Interview — Wilson Gonzalez
»Irgendwann landen sie alle im Späti«
Wilson Gonzalez hat viel erlebt in den letzten Jahren. Er ist Vater geworden, hat eine eigene Band gegründet und als Creative Producer eine Comedy-Serie realisiert, in der er selbst auch die Hauptrolle spielt: »Späti« thematisiert den Berliner Kult-Ort und all die Charaktere, die dort aufeinandertreffen. Ein Gespräch über die verbindende Kraft des Spätis, Musik zwischen Rock’n’Roll und Techno und die Frage, wie wir uns in angespannten Zeiten wieder begegnen können.
30. März 2025 — Interview & Text: Samuel Benke, Fotografie: Osman Balkan

Wir treffen uns mit Wilson Gonzalez an einem verregneten Mittwoch im Schöneberger Akazienkiez. Es liegt ein feiner Nebelschleier über der Stadt und es scheint, als wären die meisten Menschen heute im Bett geblieben. Die Stimmung passt zum Land, so kurz nach den Wahlen: bedrückt und noch nicht ganz entschlossen, was die nächsten Monate passieren wird.
Wie gut, dass es in schwierigen Zeiten wie diesen zumindest gute Unterhaltung gibt, die uns für ein paar Stunden die Realität vergessen lässt. Wilson ist in der Entertainmentbranche aufgewachsen, steht selbst schon seit früher Kindheit vor der Kamera und kennt das Leben auch nur so. In den letzten Jahren hat er sich Zeit genommen, um mit »A Black Rainbow« eine eigene Band zu gründen und mit »Späti« eine Serie herauszubringen.
In »Späti« – produziert von der Bildundtonfabrik – spielt Wilson den antriebslosen Fred, der durch einen Wink des Schicksals einen typischen Berliner Spätkauf übernehmen muss. Zum Inventar gehören ein paar Stammkunden, außerdem die junge Aylin, deren Vater der eigentliche Besitzer des Ladens ist, und Freds bester Freund Konnopke.
Gemeinsam erleben sie in jeder Folge berlintypische Herausforderungen, wie etwa auf einen menschlichen Hund aufzupassen oder die fiese Vermieterin auszutricksen. Es ist eine Serie voller kleiner, liebevoll inszenierter Momente, diverser Star-Auftritte und einer Bildsprache, die sich jung, unangestrengt und aufrichtig anfühlt. Dies gelingt nicht zuletzt durch die Regie von Marleen Valien und Max Rainer.
Der Späti ist für Wilson nicht einfach nur ein Ort, er steht symbolisch für das Zusammentreffen der Bewohner dieser Stadt. Egal, wer sie sind oder was sie sonst den Tag lang beschäftigt: Hier begegnen sie sich, kaufen Getränke, Gummibärchen oder – je nach Generation – Fertigkippen oder Vapes. Und kommen unweigerlich ins Gespräch.


»Dass ich in Grünwald gewohnt habe, konnte ich mir nicht aussuchen.«
MYP Magazine:
Du bist im beschaulichen Grünwald südlich von München aufgewachsen, jetzt wohnst Du in Berlin Mitte. Alles an Dir suggeriert eher Grunge und Rock’n’Roll als angepasste Bürgerlichkeit. Wie passt das zusammen?
Wilson:
Dass ich in Grünwald gewohnt habe, konnte ich mir nicht aussuchen. Aber ich muss sagen, ich hatte dort eine richtig angenehme Kindheit. Ich konnte mit dem Fahrrad überall hinfahren, konnte auch viel Scheiße bauen, kann mich also nicht beschweren. Erst wenn man älter wird, mit 14, 15, 16, merkt man natürlich, dass das Umfeld vielleicht ein bisschen spießiger ist. Da habe ich gespürt, dass ich auch mal wegmusste.
Irgendwann war ich beruflich öfter in Berlin und mir wurde klar, dass ich da früher oder später auf jeden Fall hinziehen will. Eine Kollegin, mit der ich damals gedreht habe, hatte mir Mitte empfohlen. Sie sagte, das passe gut, wenn man aus Grünwald komme – sie selbst kam nämlich auch von dort. Seitdem bin ich eigentlich immer in Mitte geblieben. Klar, auch Kreuzberg und Schöneberg sind tolle Bezirke, aber irgendwann findet man die Läden, zu denen man gerne geht, und macht es sich gemütlich. Also bin ich geblieben.


»Wir sind sehr bunt mit dem, was wir singen, und auch mit dem, was wir sind.«
MYP Magazine:
Mit Deiner Band A Black Rainbow machst Du Musik auf der Grenze zwischen Rock’n’Roll und Techno. Wie ist es dazu gekommen?
Wilson:
Musik hat mich schon immer interessiert, Rock’n‘Roll sowieso. Aber nachdem ich nach Berlin gezogen war, kam auch die elektronische Musik dazu, die hier sowieso überall lief und mir gut gefallen hat. Mir war klar: Ich will eine Band gründen, aber ich will das nicht unter meinem eigenen Namen machen. So ist A Black Rainbow entstanden, eine Mischung aus Rock und elektronischer Musik, die mich zu dem Zeitpunkt schon Jahre begleitet hatte. Trotz des Namens, der sich übrigens aus zwei Songs von Depeche Mode und Marilyn Manson zusammensetzt, sind wir aber sehr bunt mit dem, was wir singen, und auch mit dem, was wir sind.


»Ich habe eine Zeit lang mit der Idee gespielt, eine Maske zu tragen.«
MYP Magazine:
Deine Bühnenoutfits sind sehr expressiv, oft genderfluid. Woher kamen die Inspirationen für diesen Look?
Wilson:
Ich habe eine Zeit lang viel mit Fashion-Fotografen gearbeitet, zum Beispiel mit Oliver Rath. Dabei sind immer sehr ausgefallene Fotos entstanden, mit viel Make-up und extravaganter Kleidung. Da ich ja nicht als Wilson Musik machen wollte, habe ich eine Zeit lang mit der Idee gespielt, dafür eine Maske zu tragen. Aber ich musste auch an diese Fotos denken und habe stattdessen beschlossen, das bei A Black Rainbow ähnlich zu machen. Wenn ich als Schauspieler fotografiert werde, sind das in der Regel klassische Portraits. Aber wenn ich mich im Rahmen der Band bewege, raste ich komplett aus. Ich habe dort viel mehr Spielfläche und fühle mich wohl auf der Bühne. Das bin zwar immer noch ich selbst, aber ich bin viel lockerer und freier.

»Es sollte egal sein, wer da auf der Bühne steht. Hauptsache, es inspiriert.«
MYP Magazine:
Ist dieses Auftreten für Dich auch eine Art von Drag?
Wilson:
Eher nicht. Mir macht es einfach Spaß, dass man überhaupt nicht weiß, was es ist; ob es neutral ist oder eher femininer oder maskuliner. Ich glaube, das verändert sich auch. Das Schöne für mich ist, dass es irgendwie egal ist. Daraus hat sich automatisch eine Message ergeben: Es sollte egal sein, wer da auf der Bühne steht. Hauptsache, es inspiriert.
MYP Magazine:
Du bist vor einer Weile Vater geworden. Hattest Du trotzdem Zeit zu proben? Und ab wann gibt es neue Musik?
Wilson:
In den letzten Monaten war es natürlich ein bisschen schwieriger. Aber wir arbeiten fleißig an fünf, sechs neuen Songs. Und für den Sommer sind wir auch schon für einige Gigs gebucht. Bis Ende des Jahres wird da definitiv was rauskommen. Außerdem erscheint bald unsere erste Vinyl. Das wird eine Kombination aus unserer ersten EP und sechs Remixes sein, unter anderem mit Marcel Dettmann und Kris Baha. Darauf freue ich mich sehr, weil die Remixes der Hammer sind.

»Mal bin ich also vor der Kamera, mal ziehen wir uns gemeinsam zurück.«
MYP Magazine:
Du und Deine Familie sind in der Reality-TV-Serie »Die Ochsenknechts« zu sehen. Deine Partnerin und Tochter hältst Du da aber bewusst raus. Wie können wir uns das vorstellen?
Wilson:
Bisher funktioniert das ziemlich gut. Wir waren zum Beispiel vor Kurzem alle gemeinsam im Urlaub, bei dem wir auch mit Kameras begleitet wurden. Dennoch gab es immer Orte, an denen nicht gefilmt wurde und in die sich die beiden dann zurückgezogen haben. Mal bin ich also vor der Kamera, mal machen wir zu dritt etwas anderes. Das ist natürlich immer gut durchgeplant. Wir werden nicht fünf Tage dauerhaft begleitet, sondern wir wechseln uns ab, damit keiner zu kurz kommt.

»Manchmal will man nicht lange nachdenken und einfach etwas Stumpfes schauen.«
MYP Magazine:
Gerade wird in Deutschland sehr viel Reality-TV produziert. Nimmt dieses Genre die Aufmerksamkeit von aufwendiger produzierten Serien und Filmen?
Wilson:
Ich weiß, dass viele Menschen Reality-Shows lieben. Das ist auch völlig in Ordnung, denn manchmal will man nicht lange nachdenken und einfach etwas Stumpfes schauen. Da bin ich selbst nicht anders. Und viele Leute schauen ja auch weiterhin Serien. Was ich persönlich allerdings ein bisschen schade finde, ist, dass man dabei den Fokus auf Kinofilme verliert. Es gibt immer mal wieder sehr gute Anstrengungen, keine Frage, aber da bei so einem Kinofilm der ganze Prozess viel aufwendiger ist und man zum Beispiel viel mehr Fördergelder einsammeln muss, lassen sich immer weniger Leute darauf ein.

»Es war total abgefahren, was im Späti jeden Abend für Dinge passierten.«
MYP Magazine:
Gerade hast Du deine eigene Serie »Späti« herausgebracht. Wie ist dieses Format entstanden?
Wilson:
Das war relativ einfach. Wenn man in Berlin wohnt, kommt man nicht darum herum, mal vor einem Späti abzuhängen. Ich selbst habe eine Weile in der Nähe des KitKat-Club gewohnt und beim Späti davor sehr viele Abende verbracht. Es war total abgefahren, was da jeden Abend für Dinge passierten. Was da für Welten aufeinanderprallen! Ich wusste, diese vielen kleinen Geschichten möchte ich erzählen. Ich habe mir dafür eine Weile Zeit gelassen, um die richtigen Leute zu finden, und bin schließlich mit der Produktionsfirma Bildundtonfabrik zusammengekommen, mit denen ich schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte. Mit ihnen und einem wunderbaren Team ist dann »Späti« entstanden. Das Konzept ist relativ simpel, es ist gewissermaßen ein Kammerspiel. In jeder Folge gibt es ein Problem, das gelöst werden muss. Dazu kommen die Leute, die im Späti einkaufen und diesen mit Storys füllen. Dafür brauchte es auch nicht Unmengen an Finanzierung. Ich glaube, das ist ein guter Anfang für ein Projekt, um es dann Stück für Stück größer werden zu lassen – vielleicht sogar bis zu einem Kinofilm.


»Im Späti kommen sehr unterschiedliche Menschen aus sehr unterschiedlichen Bereichen zusammen.«
MYP Magazine:
In der Serie gibt es viele Cameos von berühmten Leuten, die bei Späti-Besitzer Fred einkaufen. Ist der Späti für Dich ein Ort, an dem Klassenunterschiede überwunden werden können?
Wilson:
Ich glaube schon, dass im Späti sehr unterschiedliche Menschen aus sehr unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen. Ob die dann miteinander sprechen, ist eine andere Frage. Ich hatte mal eine Situation, da kam eine Gruppe queerer Touristen in den KitKat-Späti. Am Tisch saßen schon ein paar andere Leute, die das alles eher merkwürdig fanden. Aber die Touris haben sich dazugesetzt und nach einer Dreiviertelstunde lagen sich alle in den Armen. So etwas wollte ich erzählen. Aktuell kommen im Späti sicherlich auch Leute zusammen, die ganz unterschiedliche Parteien gewählt haben. Vielleicht trifft dort ein Linker auf einen AfD-Wähler, sie tauschen sich aus und der Linke stimmt den Rechten um. Das wäre toll. Reich oder arm, Doktor oder Flaschensammler, irgendwann landen sie alle im Späti. Das finde ich faszinierend.
MYP Magazine:
Was ist Deine persönliche Standard-Bestellung in einem Späti?
Wilson:
Früher waren es Zigaretten und Bier, also relativ einfach. Bis heute habe ich davon bestimmt am meisten gekauft. Mittlerweile ist es aber eher eine Dose Cola oder eine Spezi.

»Am Ende landen sie doch alle im Späti, kaufen sich ein Bier und reden vielleicht ein bisschen miteinander.«
MYP Magazine:
Die Berlin-Premiere liegt jetzt schon ein paar Wochen zurück, der Release steht kurz bevor. Was wünschst Du dir von den Menschen, die Deine Serie anschauen?
Wilson:
Ich hoffe, dass die Leute es mindestens mögen oder vielleicht auch lieben; idealerweise, dass sie Bock auf mehr haben. Außerdem wünsche ich mir, dass Menschen das Kulturelle an Berlin und seinen Spätis kennenlernen. Vielleicht macht es ein paar Leute auch zu offeneren Menschen. Spätis sind schließlich verbindende Orte. Menschen können so unterschiedlich sein und am Ende landen sie doch alle im Späti, kaufen sich ein Bier und reden vielleicht ein bisschen miteinander.


»Späti«: seit dem 28. März abrufbar in der ZDF-Mediathek und ab dem 8. April auf ZDFneo.
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Interview & Text: Samuel Benke
Fotografie: Osman Balkan