Lukas Leister

Submission — Lukas Leister

Schwarze Wahrheit

14. April 2013 — MYP No. 10 »Meine Nacht« — Text & Foto: Lukas Leister

Ps letztes Interview, dem zu widersprechen würde auch seinen größten Kritikern schwerfallen, war schon jetzt sein bestes. Als oberflächlich mit einem Hang zu unwahrer Vulgarität kommentierte man seine Gespräche. Das Gegenteil zu behaupten, dessen war sich P bewusst, hätte auch keinen Sinn gehabt.
Einmal hatte er gelesen, dass das Vulgäre immer die Lüge ist, die in der Inszenierung des Proleten steckt. Aber gerade diese Lügen, fand P, brachten – dem schlechten Schauspiel seiner Gegenüber geschuldet – in den meisten Fällen eine für den Leser ungeahnte und für den Gesprächspartner unangenehme Wahrheit mit sich.
Betrachtete man es so, waren seine Dialoge wahrer als viele derer, die mit den großen Namen aus Politik und Wirtschaft gespickt waren. Vor allem aber waren sie erfolgreicher und mobilisierten ein für P erschreckend großes Publikum. Vergleichbar mit einschlägigen TV-Formaten zerlegten in seinen Texten schon längst gescheiterte Mediengesichter das letzte bisschen, was ihnen an gesellschaftlicher Kultiviertheit noch geblieben war. Gerne hätte er die C-Prominenz gegen Menschen getauscht, die wirklich etwas zu erzählen hatten, das hätte ihm ein wenig der Selbstverachtung genommen, die in den letzten Jahren seines Schreibens in ihm herangewachsen war.
P war sich sicher, dass sein Geschriebenes nie auch nur annähernd an die Qualität von K heranreichen würde. Ihre Texte waren im Gegensatz zu seinen mit einem Handwerk gefertigt, das nur wenige außer ihr heute noch zu beherrschen schienen, und trotzdem war er es, der erfolgreicher war als sie es je sein würde. Für P war es deshalb ein Rätsel, warum sie ihn mochte.
Wie die meisten seiner Interviews schrieb er auch dieses bei ihr. Die halbe Nacht hatten sie sich gegenüber gesessen, er gefragt, sie geantwortet, wie immer. Ihre schwarzen Augen, von denen er sich in dieser Nacht hatte noch schlechter lösen können als sonst, waren nun geschlossen. K lag im Bett hinter ihm und schlief schon einige Stunden.
P saß mit Stift, Papier und Diktiergerät am Schreibtisch und war in den letzten Zügen, sein Werk zu beenden. Wie bei jedem seiner Interviews schrieb er den Titel ganz zum Schluss. Wie nach jedem seiner Interviews, die er bei ihr schrieb, wollte er auch nach diesem nicht bei ihr übernachten.
P legte seinen Stift zur Seite, stand auf und warf, während er sich die Kapuze seines Mantels überzog, einen letzten Blick auf den Titel ihres Gesprächs. Als P die Tür öffnete und sich das Schwarz der Nacht vor ihm ausbreitete, war er sich zum ersten Mal sicher, die Wahrheit geschrieben zu haben.


Stephen Gwaltney

Submission — Stephen Gwaltney

My Way To Explore

14. April 2013 — MYP No. 10 »My Night« — Text & Photo: Stephen Gwaltney

My night: something that is never the same. A night in my life is always new and exciting. I believe that things are what we make them to be. I prefer my night to be full of excitement and fun. I prefer it to be original instead of repetitious. I desire to be spontaneous, choosing to do something for the first time if presented with the idea.

Doing something for the first time is a great way to learn and gain experience. Achieving experience can be like discovering a whole new world. Your perception on things may change or grow, like adding focus to a blurry image.

My name is Stephen Gwaltney. I am a 20-year-old fine art photographer from Northern Virginia, USA. I see things differently. When someone sees a field or a tree line it is only that which they see. When I see a field or a tree line I see a story, like a moving surreal painting. It is like having the power to see another world or dimension.

This is the most interesting thing to me: discovering a new world, whether it is from history, the future, another planet, or even fantasy. My night relates to this because I tend to grow in knowledge and experiences that I take from each evening. Learning something new is discovery.

A characteristic night to me would consist of meeting with a group of my friends in Fredericksburg, Virginia. We start with some music, which opens our minds and the next thing we know someone comes up with an idea.

One night in particular we started playing music on the steps of a building.

People began gathering around and by the end of the night we had about 50 random people singing along with us. Another night entailed of a group of my friends and I taking a projector and creating a movie theatre on the side of a building for all of our friends. It is continuously like something out of a movie.

My art relates to my night because it is like discovering a new world for me. My experiences as a person influence my photos.

The photos I make open a new reality to my mind; something I am yet to understand sometimes. There is something profound about not understanding.
Art is something that you will never fully understand. It can be a dimension into another world. A new world where anything is possible, where not understanding is the explanation for understanding.

I love the concepts of knowledge, discovery, and creation. Art is my way to explore these concepts. The photography aspect helps me feel, imagine, and sense them.

The realistic quality inspires ongoing thoughts of actual surrealism… and I can imagine that these places are real – yet to be explored.


Jonas Meyer

Submission — Jonas Meyer

Die Mauer

14. April 2013 — MYP No. 10 »Meine Nacht« — Text: Jonas Meyer, Foto: Johannes Kuczera

Manchmal, wenn die Wände immer weißer und die Räume immer leerer werden, muss man einfach weg. Um sein Herz zu retten. Und sein Glück. Beide sind hier in Gefahr, denn ein steriles Nichts belauert sie von allen Seiten. Wie ein Raubtier fletscht es seine Zähne und wartet hungrig auf die Dämmerung.

Sobald die Dunkelheit anbricht, wird das sterile Nichts zum Monster. Und schlägt unerbittlich zu. Wie im Rausch verbeißt es sich in Herz und Glück und lässt sie qualvoll sterben.

Also muss man fliehen, so lange es noch hell ist. Um sein Herz und Glück in Sicherheit zu bringen, weit weg von weißen Wänden, leeren Räumen und dem Monster, dem sterilen Nichts.

Am besten versteckt man sich im Leben, weit draußen hinter einer großen Mauer, die so anders ist als all’ die weißen Wände in den leeren Räumen. So schwarz, so schmutzig, so lebendig.

Herz und Glück sind dort geborgen.

Gut beschützt, die ganze Nacht.


Hamza Alioua

Submission — Hamza Alioua

The Muse Inside

14. April 2013 — MYP No. 10 »My Night« — Text & Photo: Hamza Alioua

Sleepless nights bring out the muse inside me. I’m writing this at sleepover with a high-school friend and I just feel like writing something deliciously random. Journey themes recur frequently in literature. It presents the main character in an existential conflict, and engage them in a journey so to bring meaning in their life at the end of it.

But I don’t want my life to become a preamble to some distant happily ever after. Why do we fantasize so much about the lives protagonists in coming of age stories lead?

Resist the appeal of a storybook life, or else narrative patterns will become personal myths that dictates your life. You’ll break your life into chapters and set goals within three act structure and make friends and enemies according to archetypes, all in a ridiculous attempt to trace your own character arc across the coming decades.

That would be a shame, because a storybook life is overrated. It is boring and safe and artificial as a saturday night sleepover with your high-school friend.


Susan Simin Zare

Submission — Susan Simin Zare

Realitätsfilter

14. April 2013 — MYP No. 10 »Meine Nacht« — Text: Susan Simin Zare, Foto: Janice Günther

Die Nacht ist für mich nichts Strukturiertes, nichts Planbares, und deswegen will ich meine Gedanken der Nacht so festhalten, wie sie sind, ein Gedanke.

Ich bekenne mich als ehrlichen Nacht – Fan.

Eine wunderbare Zeit, um zu schlafen.
Wobei mir als klassischen „Vor 9 Uhr morgens mache ich lieber nichts“ – Typus tatsächlich genau dann wirklich tolle Unternehmungen einfallen.

Eine meiner Aktivitäten: Alleine Nachts in einer Bar sitzen. Ein selbst erwählte Aufgabe, denn es ist eine ganz seltsame Emotion, die ich damit verbinde und ich habe das Gefühl es immer wieder von Neuem zunächst erlernen zu müssen. Dann sitze ich meist da zwischen Träumern und Alpträumern. Irgendwo mitten in der Stadt, in einer wahlweise spärlich belichteten Bar, wo man eine junge Frau alleine nicht erwartet. Mit meinem kleinen schwarzen Möchtegern Philosophen Büchlein und einem schwarzen Kugelschreiber, die mag ich am Rande bemerkt farblich lieber als die Blauen, bemitleide mich etwas und habe große Freude daran.

Ich lasse meine Vergangenheit an mir vorüberziehen und bleibe gerne da bis kurz vor dem Morgengrauen, denn so sehr der allgemeine Romantiker, zu dem ich mich gerne zähle, Sonnenauf – und Untergänge schätzt, so sehr liebe ich auch das Gefühl, die Nacht zumindest mit der Nacht zu beenden und zu schlafen, bevor die Welt wieder aufwacht.

So stille ich wenigstens einem kleinen Teil von mir das Bedürfnis nach einem Tag und Nacht Rhythmus.

Ja ich bekenne mich, ich liebe die Nacht aufrichtig. Ein Moment, in dem Zeit verschwimmt, wenn niemand mehr anruft, wenn man stundenlang TKKG hören kann, ohne ein Gefühl etwas anderes zu verpassen.

Wenn es okay ist auf der Gitarre nur noch vor Sehnsucht tropfende Lieder zu schreiben. Was wäre Musik ohne die Nacht.
Und wenn alles ein wenig egaler scheint als zuvor.

Eine Nacht werde ich nie vergessen, im Iran, in Shiraz, bei meiner Familie, in einer Region, in der man sehnsüchtig im Sommer auf die Abkühlung am Abend wartet und in der wir, wie sollte es auch sonst dem Klischee entsprechen, auf einem flachen Dach den Sternen und der unverwechselbaren Abendluft, eine Mischung aus abgekühltem Wind, Stadtluft und Natur – und den Sternen frönten.

Dort saßen wir mit Musik, redeten und lachten und alles war voller Liebe. Ein Gefühl absoluter Einfachheit und Perfektion in einem Moment, den ich nie vergessen werde.

Die Nacht ist meine persönliche Legitimation zur Unabhängigkeit. Die Sonne in allen Farben untergehen sehen, Sterne zählen, Wind und Neuanfang spüren, als ob sich die Welt in ein paar Stunden erneuert, die Luft für den Morgen säubert….in den verbalen Kitsch abtriften und es okay finden.

Ich mag wenig Licht. Alles erscheint schöner, als es eigentlich ist, ein natürlicher Filter der Realität. Als ob die letzten unsichtbaren Schemen von der Phantasie ersetzt werden dürfen.

Es ist alles erlaubt, alleine sein, zusammen sein, nicht sein. Der Moment, wenn der Alltag für wenige Stunden schlafen geht, ist der Moment, in dem die Freiheit aufwacht. Ich will sie nicht missen die Nacht.

Und Schlaf wird bekanntlich sowieso überbewertet.


Seraina Silja Hürlimann

Submission — Seraina Silja Hürlimann

14 Stunden

14. April 2013 — MYP No. 10 »Meine Nacht« — Text & Foto: Seraina Silja Hürlimann

Das Ende beginnt mit der einen Sekunde, in der ich aus der Versenkung zurück in den Alltag geknallt werde. Beim ersten Mal bleibt es ein Versuch, denn diese wundervolle, kleine Zeitschändung vor dem definitiven Ende rettet mir weitere wertvolle Minuten. Niemals könnte ich einfach von hier auf jetzt verschwinden.

Ich tue, was ich kann, ich schände Zeit. Ich bin eine gute Zeitschänderin. Nach gefühlten zwei Minuten sind schon neunzehn weitere Minuten vergangen. Noch immer bin ich hier. Ich kann mich nicht losreißen. Klangwelten prasseln auf mich ein, doch ich will die Wahrheit nicht hören. Wir haben ja auch gute Zeiten erlebt. Damals, vor vier Stunden.

Wir haben schnell Vertrauen gefasst — seitdem jede Nacht zusammen verbracht. Ich dachte, wir ergänzen uns so gut, doch so schnell scheint alles vergessen zu sein. Mein Kopf weiß, es ist das Beste, wenn ich es jetzt beende. Doch mein Herz bleibt liegen. Ich rede mir ein, dass ich nicht fremdgehe, wir sind ja nur Freunde — mehr nicht. Wie wäre es mit ein bisschen mehr Vertrauen? Mein Kopf weiß, es ist nicht für immer. Doch mein Herz denkt: „Vierzehn Stunden ohne — wie soll das bloß gehen?“. Ich ignoriere die Klänge, doch sie quäken weiter und zwingen mich zum Schluss machen. Es ist 07.31 — Zeit zum Aufstehen.


Calle Hackenberg

Submission — Calle Hackenberg

Insomnia - Schönheit der Nacht

14. April 2013 — MYP No. 10 »Meine Nacht« — Text & Foto: Calle Hackenberg

Schlaflosigkeit und unruhige Nächte, in denen man aufwacht, sind ein weit verbreitetes Phänomen – Sie besitzen einen ganz eigenen Charakter. Die Ruhe und Gedrängtheit, welche die eigene Wohnung in der Nacht ausstrahlen, sind ausdrucksstarke Momente.

Sie werden in ihrer Schönheit meist durch ein Gefühl der Leere und Angst verdrängt, manchmal gar zerstört.

Diese Momente der absoluten Ruhe in tiefster Nacht sind der Kern der Serie. Hierbei wird großer Wert auf eine realistische Blickführung gelegt.
Es soll das Gefühl erweckt werden, dass man beim Betrachten der eigenen Wohnung nach dem Aufwachen hat.

Die Aufnahmeposition und das aufzunehmende Objekt ergeben sich aus der Orientierung nach dem Licht in der Nacht.
Dem Licht, das den Menschen in der Nacht umgibt. Diffus und unklar scheint es zu sein.

Nur das von außen durch Fenster eindringende Licht und das von anderen Räumen hinein oder hinaus scheinende Licht sind die Basis der Serie/Aufnahmen.

Durch gezielte Überbelichtung wird die Beleuchtung der Nacht durch das Streulicht der Umgebung dargestellt und verstärkt.

Im Kern beschäftigt sich die Serie mit der Wahrnehmung in der Nacht und der besonderen Schönheit dieser diffusen Momente.


Benedikt Amara

Submission — Calle Hackenberg

Perspektiven

14. April 2013 — MYP No. 10 »Meine Nacht« — Text: Benedikt Amara, Foto: Ingrid Raab

Tage werden mit unterschiedlichen Namen voneinander abgegrenzt. Der Nacht hingegen haftet immer die gleiche Benennung an. Und dennoch färben Blickwinkel ihre Finsternis mit verschiedensten Nuancen ein…„This is the rhythm of the night“:

I
Im Schutze der Dunkelheit wechseln Angestellte den Bürostuhl gegen den Barhocker, die Krawatte gegen den Party-Hut und das Beamten- gegen das Proletendeutsch. Sie legen eine Nachtschicht in Diskotheken ein und erinnern dabei keineswegs an Arbeitnehmer. Frei von ihren täglichen Pflichten setzt ihnen die Nacht eine Maske auf, damit sie sich verstecken können. Am Tage muss man Jungfrau sein, in der Nacht kann man Hure sein. Keineswegs verwunderlich, dass man sich zu „One-NIGHT-Stands“ trifft. Coronas „Because the night belongs to lovers“ wird zum Credo aller paarungswilligen Nachtschwärmer. Man merke sich: Was einem tagsüber ins Ohr geflüstert wird, ist meist geheim. Was einem nachts ins Ohr geflüstert wird, meist obszön

II
Schattige Gestalten tummeln sich vor der Bar-Theke wie das Vieh des Bauers am Futtertrog. Kapuzen überdimensionaler Capes geben nur vereinzelt Blicke auf sprödes, kaputtes Haar preis; dunkle Schatten unter den Augen, die nur schlecht von Concealer abgedeckt sind, lassen einen langen Tag vermuten. „La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut“ – denkste! Heinz Rühmann würde sich im Grabe umdrehen. Hier wird man zum Voyeurismus genötigt und ist unfreiwilliger Besucher im Gruselkabinett zu Berlin. Aber dennoch tut die Nacht ihr Nötigstes, um diesem Spuk ein Ende zu bereiten: Da stehen die Partyzombies von der Finsternis der Nacht umhüllt und werden in ihren kleinen Makeln vom Dunkel der späten Stunde kaschiert. Doch sollte man die Nacht nie vor dem Morgen loben: Die Nacht wird von Sonnenuntergang und –aufgang begrenzt, die vermeintliche Schönheit jener Wesen auch.

III
Zu den Gesichtsleichen im Morgenrot gesellen sich die Schnapsleichen mit Orientierungsnot. Wankend und schwankend bahnen sie sich so rücksichtslos wie ein Eisbrecher auf See einen Weg durch Gruppen nach Hause gehender Clubbesucher. Die Lichter des Fernsehturms werden zu Lichtern eines Leuchtturms und sind den verirrten Schiffchen im tobenden Gewässer Berlins ein Anker. Die animalisch anmutende Mimik und Gestik jener Schiffbrüchigen lassen vermuten, dass in dieser Nacht Vollmond gewesen sein muss. Für ein Remake von Michael Jacksons Thriller-Video wären sie allemal zu gebrauchen. Weil diese modernen Werwölfe meistens alleine mit den letzten Resten Alkohol in der Hand über den Gehweg straucheln, reden sie mit sich selbst oder grölen ein Liedchen. Ist es auf dem Land der Hahn, der den ersten Morgengruß allen Schlafenden überbringt, ist es in der Stadt der alkoholisierte Vagabund.

IV
Obwohl sie sich schon die Nacht um die Ohren geschlagen haben, ertönt aus mindestens einer Ecke des Clubs: „Nein Mann, ich will noch nicht gehen! Ich will noch‘n bisschen tanzen!“. Die Schlafverweigerer machen den Morgen zur Nacht und tanzen anderswo weiter. Sie nehmen Lady Gagas „Marry the night“ wortwörtlich und gehen den ewigen Bund der Ehe mit der Nacht ein. Ganz konservativ ziehen diese sonst so liberalen Zeitgenossen keinesfalls eine Trennung in Betracht! Sie feiern weiter, bis dass die Müdigkeit sie scheidet! Bei diesen nimmersatten Clubkids hat Morgenstund‘ aber keinesfalls Gold im Mund! Viel eher Schnee in der Nase, Engelsstaub im Blut oder Gras im Paper. Ein Ritt durch Nacht und Wind geht heut auch ohne Pferd ganz geschwind! Und dürre Blätter im säuselnden Wind sind gegenüber heutigen Trips noch recht gelind! Ein Lockruf mit Töchtern lässt Erlkönig sein und geht mit diesen untätig heim. Denn heute führen die Junkies den nächtlichen Reihn, sie wiegen und tanzen von ganz allein. Stets erreichen sie einen Berliner Hinterhof mit Müh, mit Not, und stürzen sich in aller Früh ins nächste Kulturangebot.


Carolina Harkort

Submission — Carolina Harkort

Eigene Spuren

14. April 2013 — MYP No. 10 »Meine Nacht« — Text & Foto: Carolina Harkort

Es gibt Nächte, an denen in wach im Bett liege und mir Gedanken über meine Zukunft mache. Über meine Zukunft als Fotojournalistin, als Herzblut Fotografin, als Weltenbummlerin.

Ich bin in meinen Leben nicht den graden Weg gegangen. Habe nicht nach dem Job gesucht, der mir am meisten Geld nach Hause bringt. Vielmehr habe ich versucht, das zu machen, was mich erfüllt, was meine Augen zum Strahlen bringt und mein Herz schneller schlagen lässt.
Habe mich nicht immer danach gerichtet, was mir Mensch geraten haben. Genau das hat mir ab und an auch schlaflose Nächte bereitet.

Seitdem meine Hände eine Kamera tragen können, weiß ich, dass ich Fotografin werden möchte.
Ich möchte jedoch nicht einfach schöne Dinge fotografieren: Ich möchte etwas verändern und Menschen durch meine Bilder ein Sprachrohr geben.

Es gab Nächte, an denen ich während meiner Reportagen irgendwo auf dem Boden neben Menschen lag, die unheilbar krank waren.
Neben Menschen, die an Altersarmut litten, die kein Dach über den Kopf hatten.
An solchen Nächten merke ich, was mich und mein kleines Universum wirklich glücklich macht und was ich wirklich will. Ich möchte die Geschichten von Menschen erzählen, die nicht dazu in der Lage sind.
Denen Unrecht geschieht, aber deren Stimme nicht laut genug ist, um laut aufzuschreien.

Wenn ich anderen Menschen von meinen Reisen erzähle, höre ich öfters ein: „Oh toll. Das könnte ich aber nicht.“ Und die Ungewissheit, ob ich monatlich meine Miete bezahlen könnte. Ob ich denn keine Angst hätte.

Manchmal frage ich mich, was meine Generation eigentlich will. Viele wollen etwas verändern und ihren eigenen Weg gehen, selbständig sein, ihr Leben rocken, ihre eigenen Spuren hinterlassen – aber nur wenige Menschen haben den Mut dazu.
Den Mut eigene Spuren zu setzen, auf das eigene Herz zu hören…ohne darauf zu achten, ob andere Menschen sie für verrückt erklären.

In den Nächten, wenn alles still um mich herum ist, höre ich nicht nur meinen eigenen Herzschlag, sondern fange an, mich zu fragen, ob ich ehrlich zu mir und meinem Herzen bin.

Es gibt Menschen, die viel viel mehr Geld als ich verdienen. Wenn ich sie aber frage, was sie im Leben glücklich macht, wissen sie keine Antwort.
Sie haben es einfach verlernt, auf ihr eigenes Herz zu hören, oder haben nicht die Zeit, um das zu machen, was sie wirklich bewegt. Ich frage mich, was diese Menschen am Ende ihres Lebens denken…
Liegen sie dann nachts in ihren Betten und denken “Ach hätte ich doch nur…?”


Lumen L. Lessing

Submission — Lumen L. Lessing

Sargmythos

14. April 2013 — MYP No. 10 »Meine Nacht« — Text & Foto: Lumen L. Lessing

Als die Gedankengebäude zum Thema Nacht aus meinen Erinnerungen in meinen Verstand ragten, spielten sich drei Nächte als seltsamer Panorama Split Screen alle gleichzeitig ab. Man kann es sich so vorstellen, dass das eigene Unterbewusstsein Mario Kart gegen und für sich selbst spielen möchte. Dabei ist man Verbündeter und Rivale zugleich. Ein recht merkwürdiges Erinnerungschaos jedenfalls. Um diesen Wirrwarr an Gedankenbildern Einheit zu gebieten, entschied ich mich für ein Alltagsmärchen. Zu meiner Person selbst: Ich bin eine Träumerin, weder Tag- noch Nachtträumerin, sondern Dauerträumerin. Das ist mein Wesenszug.

Am 10.10.10 wurde ich zum Geburtstag von Hiltrud eingeladen. Trotz Unwissenheit kam ich der Einladung nach. Als ich mit einer Schulkameradin eintraf, wurde ich für einige Sekunden wortleer. Es schien ein Riesenspektakel im Kleinen zu sein. Die gesamte Wohnung war eingekleidet mit Kunstwerken, Skulpturen und Fotografien. So als trüge die Wohnung einen orientalischen Mantel, den die Bewohnerin selbst gewebt, genäht und zusammen gestickt hat. Meine Augen waren nach den ersten Minuten bereits von der Vielfalt dieser Wohnung erschöpft. Doch es war eine Form der positiven Müdigkeit oder – NEIN Müdigkeit ist das falsche Wort- der visuellen Sättigung. Bevor ich nun die ersten Eindrücke irgendwie realisieren konnte, flüsterte mir die Schulkameradin zu: „ Finde den Sarg! “ Verdutzt schaute ich sie an. Sie lachte über meinen fragenden Blick. Vor allem , weil sie diesen speziellen Situationsblick an sich selbst kannte, wie sie mir anschließend zugestand. Denn die gleiche Aufgabe wurde ihr gestellt, als sie zum ersten Mal bei dieser wundersamen Frau war.

Ich glaube, nur Christopher Columbus kann nach empfinden, was ich in diesem Moment empfunden haben muss. Ich erwartete, eine alte Dame zu besuchen. Und in dieser Nacht öffnete sich mir eine völlig neue Welt. Wie einst der große Entdecker war ich auf Irrfahrt durch diese Wohnung, auf der Suche nach dem Sarg. Neben meinen Irrungen wurde auch ihr Geburtstag gefeiert. Während ich also suchend umher schaute, lernte ich allerlei Menschen kennen, unterhielt mich mit ihnen, lachte und lebte. Eine kleine Weile verging und im freudigen Trubel entdeckte ich – neben all den Statuen, Kunstwerken, Fotos, Bücher, Bildern, Installationen und Figürchen– auf dem Fußbodenteppich Teile einer Autobahn, die einst zerstört wurde. Mit dieser schön skurrilen Bodenbestattung fiel mir auf, dass jedes Zimmer dieser Wohnung mindestens einen Charakter und noch mehr Geheimnis in sich trägt (Ich habe bis heute nicht alle gelüftet und dieses Ereignis ist nun drei Jahre her.). Auf der Suche nach dem Sarg verstand ich nun die semantische Konstellation der Zimmer. So fand ich die Märchenecke: Inmitten eines etwa 6m2 kleinen Raumes stand ein ornamentaler Sessel, umgeben von kleinen Büchertürmen. Dort lauschte ich sphärischen Klängen.

Ein Mann thronte mit einem seltsamen „wok-artigem“ Instrument dort und tänzelte mit seinen Fingern darauf umher, wobei er den Wok umgekehrt auf den Knien hielt. Ich schloss die Augen und lies mir für meine Suche Zeit, verweilte bei ihm. Irgendwann verließ er seine Trance, schaute auf und sah mich an. Er erklärte mir, dass dies eine sogenannte „Hang“ sei.

Ein in Bern erfundenes Instrument, das aus zwei miteinander verklebten Halbkugelsegmenten aus Stahlblech besteht. Nach einem innerem Hin und Her fragte ich ihn schließlich, ob ich auch darauf spielen durfte. Er stimmte zu. Der erste Versuch war recht holprig. Meine Finger hatten bei den Aufschlägen nicht genug Kraft gehabt, um Töne erklingen zu lassen. Im Vergleich zu mir wurden seine Bewegung mit Leichtigkeit gezeichnet. „ Es ist eine Sache der Übung. Am Anfang solltest du einfach mit dem Druck der Aufschläge rumprobieren.“, riet er mir. Gesagt, getan.

Meine ersten Töne glitten durch den Raum. Zufrieden ging ich weiter. Nachdem ich nun die Wohnung zum siebten Mal mit meinen Blicken ertastet hatte, stieß ich plötzlich auf den Sarg. Das kuriose Objekt war aufgeschnitten und wurde als Regal genutzt! Was für eine nächtliche und vor allem abenteuerliche Suche zu Menschen, Dingen und Personen bis der Mythos des Sarges gelüftet wurde. Letztlich war dieser „nur“ ein Regal im Innenleben eines Skizzenbuches, welches als Wohnung von Hiltrud Neumann bekannt ist.