Johannes Heidner
Submission — Johannes Heidner
Treibende Kraft
3. Mai 2014 — MYP N° 14 »Meine Wut« — Text: Johannes Heidner, Foto: Moritz Kluth
Auf dem Weg zurück sammelst du die schönsten, die du finden kannst. Nach einiger Zeit kommst du bei deiner Liege an, deine beiden Hände voller schöner Muscheln. Deine Freunde sind schon nach Hause gegangen, also packst du deine Sachen und gehst über die Dünen zu dem Ferienhaus. Deine Freunde haben bereits mit dem Grillen angefangen. Du kommst zu ihnen und zeigst ihnen deine Muscheln. Einer der Freunde kommt zu dir und sagt: „Dafür hast du so lange gebraucht? Schau dir mal meine an – und ich habe auch noch Steine gesammelt.“
Wenn ich mich überwinde, in das Schneiden einzutauchen, bin ich wie in einer anderen Welt. Dort gibt es nur mich und das Material, das ich kunstvoll zusammenfügen muss. Ich gehe nicht mehr auf die Toilette, esse nicht und trinke nicht. Ich sitze stundenlang vor meinem Computer und tippe und klicke. Ich versuche, immer etwas Neues zu entdecken – etwas am Programm, das ich noch nie davor fand.
Manchmal habe ich auch schon so starke Vorstellungen, wie etwas am Ende aussehen muss, sodass ich desöfteren stundenlang damit verbringe, dies möglich zu machen.
Es dauert lange und in dieser Phase bin ich noch angespannter als normalerweise beim Schneiden: Einerseits bin ich immer kurz davor, daran zu verzweifeln, doch andererseits kommt die Wut, die mich vorantreibt und die mir sagt: „Zeig ihnen, dass du es schaffst!“
Diese zwei Gefühle sind so intensiv, dass ich mich verkrampfe, keine Störung akzeptieren kann und jeden verfluche, der durch meine Zimmertür kommt.
All‘ das steuert dann auf das Ende hin: Entweder das Ende ist schlecht und ich muss aufgeben, weil meine Fantasie einfach nicht groß genug ist, und ich baue die alten bekannten Dinge ein, die jeder andere auch nutzt.
Oder das Ende ist gut und ich schaffe, was ich wollte. Dann bin ich euphorisch und die ganze Spannung fällt von mir. „ch habe geschafft was ich wollte. Ungefähr so, wie…
Dafür gibt es für mich kein Beispiel, weil es dieses eine bestimmte Gefühl ist, das nur auftaucht, nachdem ich ein Video erfolgreich beendet habe.
Meine Wut kann zerstören, doch gleichzeitig ist sie eine treibende Kraft. Es kommt immer nur darauf an, wie ich sie umsetze – und dass ich versuche, sie produktiv zu nutzen.
Du bist mit Freunden an ein Meer gefahren und tauchst endlich in das salzige Wasser ein, es ist kalt und schnürt dir die Lunge zu. Du denkst: Warum mache ich das hier? Ich könnte doch einfach am Strand in der Sonne liegen und ein Buch lesen! Doch dann schwimmst du etwas herum, gewöhnst dich an die Temperatur und tauchst unter. Die Sonne schimmert durch das Wasser und ein kleiner, bunter Fisch taucht auf. Er schwimmt in einiger Entfernung herum, doch dann dreht er sich um und schwimmt weg.
Du wirst neugierig. Du schwimmst ihm hinterher, doch er ist schneller und verschwindet in der Dunkelheit. Da siehst du eine Wasserpflanze, du bist schon außer Atem, doch du willst da hin, denn der Fisch schwimmt um die in der Strömung wiegenden Blätter.
Du kommst näher, nun bist du nur noch wenige Meter von der kleinen Pflanze entfernt, doch durch deine Bewegungen wird das Pflänzchen entwurzelt und treibt vor dir. Der Fisch wuselt noch immer um ihre grünen Arme. Du wirst langsam wütend. Jedes Mal wenn du dich dem Pflänzchen näherst, schwimmt sie etwas weiter.
Du möchtest schon fast aufgeben, da taucht ein zweiter Fisch auf. Er schwimmt neben dir, du siehst seine Flossen durch das Wasser gleiten, der ganze Körper in einer einzigen schlängelnden Bewegung. Er schwimmt durch deine Beine und nähert sich der Pflanze. Jetzt kannst du doch nicht aufgeben!
Du verfolgst die Pflanze samt der Fische weiter, du tauchst immer wieder auf, um Luft zu holen. Du bist ganz starr auf diese Fische gerichtet, musterst sie, wie sie umeinander tanzen.
Plötzlich spürst du Sand unter deinen Füßen. Während du durch das Wasser watest, den weichen Sand unter deinen Füßen weg schiebend, trittst du in etwas Matschiges.
Unter dir sind Algen, sie legen sich um deine Füße und ziehen dich zurück. Du schüttelst sie ab, doch dabei entsteht so ein Druck, dass die Fische mit ein paar starken Flossenschlägen verschwinden.
Du bist sauer: Du verfolgtest sie nun so lange und dann sind sie verschwunden – wie eine Illusion? Du schaust auf und bemerkst, dass du sehr weit gekommen bist. Du machst dich auf den Weg zurück. Du trittst auf etwas spitzes und Siehst unter dir Muscheln. Du bückst dich, greifst sie und säuberst sie im Meer.
Johannes Heidner ist 17 Jahre alt, Schüler und lebt in Berlin.
Jenny Fitz
Submission — Jenny Fitz
Spurensicherung
3. Mai 2014 — MYP N° 14 »Meine Wut« — Text & Foto: Jenny Fitz
Es gab da diesen Künstler aus den 60er Jahren. Der hat mal seinen Abendbrottisch konserviert. Den ich dann 40 Jahre später in irgendeinem schicken Museum an die Decke genagelt betrachten durfte. Man fragt sich, was die da gegessen, worüber die sich unterhalten haben, und alles nur, weil man auf zerfressene, getrocknete Artefakte schaut.
Kunst? Vermutlich einfach ein x-beliebiger Abend mit Freunden, einer von vielen.
Sechs Tage später.
Ich habe eine Menge herausgefunden in den letzten sechs Tagen. So lange räume ich nämlich schon meine Küche nicht mehr auf. Essensreste zum Beispiel. Die fangen gar nicht sofort zu schimmeln an. Die trocknen erstmal. Ein Salatblatt. Das verwandelt sich in so eine Art Papierskulptur. Oder Nudelsoße. Eine richtig tolle Nudelsoße. Jetzt starre ich auf eine harte bräunliche widerliche Substanz und muss mich an die Zutaten erinnern. Überreste einer x-beliebigen Woche, eine von vielen.
Wenn ich morgens aufstehe und erstmal einen Geschirrberg wegspülen muss, macht mich das wütend. Dachte ich jedenfalls. Aber ich bin nicht wütend. Allenfalls ein wenig genervt, weil ich jetzt wirklich keine Tasse mehr finden kann, die noch sauber ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Den Dreck, den ich verabscheue, gerade gehört er dazu. Wut und Gewohnheit. Schließen die sich aus? Es ist nicht das Geschirr, das mich wütend macht. Es ist die Überraschung, die ich erlebe, wenn ich einen sauberen Tisch erwarte – und dann das Geschirr herumsteht.
Ich habe versucht, mich auszutricksen. Die Wut zu planen. Aber Wut will nicht gesucht werden. Sie will einen anfallen, von hinten, blitzschnell. Heimtückisch.
Jedenfalls kommt die Wut nicht von vorne, sie winkt nicht und sie hat sich auch vorher nicht angemeldet.
Und jetzt?
Sechs Tage lang habe ich hier keinen Finger gerührt. Jetzt mache ich mich über jeden Fleck her und bearbeite ihn mit Essig, lauter Musik und einer Intensität, die befreiend ist. Dabei mag ich das eigentlich gar nicht, Hausarbeit. Da, irgendetwas ist hinter den Kühlschrank gefallen. Da ist es ja auch besonders dreckig, seit vier Jahren habe ich hier nicht sauber gemacht.
Jetzt aber soll alles blitzen. Mit einem langen Besen stochere ich nach Küchenabfällen und einer Packung von irgendetwas, was ich zwischendurch bestimmt schon mal gesucht habe. Ein plötzlicher Schmerz an der Stirn – ich habe mich an einem Scheißnagel gestochen, wo kommt der denn her. Achja, da hängt der Besen dran, den ich gerade zum Stochern benutze. Wütend taste ich nach meiner Stirn. Ich blute. Ha, ich bin wütend. Da hat sie mich erwischt, mich angesprungen und direkt einen Sündenbock gefunden.
Mich.
Tief durchatmen. Fertig putzen. Und dann erstmal eine schöne Tasse Kaffee. Ich betrachte die saubere Küche und denke an die Wut. Die schon wieder verflogen ist. Und der man so schwer auf die Spur kommt, wenn man nach ihr sucht.
Jenny Fitz ist freischaffende Fotografin und lebt in Berlin.
Ramona Frauenrath
Submission — Ramona Frauenrath
Gegen mich
3. Mai 2014 — MYP N° 14 »Meine Wut« — Text & Illustration: Ramona Frauenrath
Ich gehe wohin meine Gedanken mich tragen,
lebe was meine Gefühle mir sagen und doch
lodert eine Wut in mir.
Was ist diese Wut?
Es ist ein Groll den ich unschwer bändigen kann.
Es ist das nicht können, aber wollen.
Das Machen, aber nicht richtig machen.
Das Scheitern, dass sich nicht entscheiden können, das erfolgreich sein wollen,
dies aber nie sein können.
Meine Wut ist, dass ich so vieles will aber alles nur halb gut kann.
Dass ich heute nicht weiß was morgen das Richtige wäre-
Meine Wut ist, dass ständig wissen müssen was man will, was man mag, was man kann,
aber ich weiß nichts.
Nur,
dass ich die Gesellschaft nicht ertrage,
die Jugend heut zu Tage,
die Bewertung in einer Skala von eins bis sechs.
Die sechsundzwanzig Urlaubstage im Jahr.
Das Vergessen von Intuition, Emotion und Einfühlungsvermögen!
Meine Wut bist du, der mir gegenüber steht und mich lehrt,
dass alles Wissen der Welt Freiheit bedeutet!
Meine Wut ist das virtuelle Leben in Taschenformat.
Meine Wut ist die Perfektion nach der alles strebt,
die ich nicht mag und die dennoch an mir nagt.
Es ist das nicht Wissen wohin mit sich, vor lauter Angebot und Nachfrage.
Das, alles ist möglich und alles haben können und dennoch nichts davon machen wollen.
Meine Wut ist der Takt der Zeit, der unser Leben bestimmt.
Es ist die propagierte Freiheit die sich nicht leben lässt.
Meine Wut ist der Besitz, das Eigentum, das Kapital,
das wirtschaftliche Wachstum mit Rechenfehler.
Meine Wut sind Grenzen, das Ausgrenzen, der Entzug von Eigenständigkeit.
Meine Wut richtet sich gegen diese eine Welt, die ich nicht mag, die ich verabscheue, ablehne,
und dennoch ein Teil von ihr bin.
So richtet sich meine Wut gegen mich.
Ich, die keine Grenzen mag und dennoch welche zieht.
Ramona Frauenrath ist 27 Jahre alt, Schauspielerin, Kunst- und Theaterpädagogin und lebt in Braunschweig.
Louise Borinski
Submission — Louise Borinski
Stumme Wut
3. Mai 2014 — MYP N° 14 »Meine Wut« — Text & Foto: Louise Borinski
Stumme Wut hat kein bestimmtes Gesicht.
Sie lässt uns keinen klaren Gedanken fassen.
Wir wenden uns ab. Verdrängen.
Doch vor uns befindet sich nur eine Mauer. Grau.
Sie versperrt uns den Weg. Den Weg vorwärts.
Louise Borinski ist 20 Jahre alt, studiert Fotografie und lebt in Berlin.
Johann Päßler
Submission — Johann Päßler
Wegbegleiter
3. Mai 2014 — MYP N° 14 »Meine Wut« — Text: Johann Päßler, Foto: Roberto Brundo
Ein normales Leben? Ja, das hört sich ganz gut an. In meinen Gedanken mahlen sich diese Bilder auch sehr gut von allein. Doch ist das der Weg, den der Mensch einschlagen sollte? Sein Leben so zu strukturieren, wie es jeder andere macht und uns vorlebt?
Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und hier sieht der Lebensplan jedes Einzelnen im Grunde gleich aus. Man geht zur Schule, macht seinen Abschluss, geht studieren oder macht eine Ausbildung – und dann arbeitet man so lange, wie es eben möglich ist, um seine Familie zu versorgen und vielleicht sogar noch ein kleines Haus zu bauen.
Aber was ist mit den Menschen, denen das nie und nimmer ausreicht? Mit denen, die sich selbst verwirklichen müssen, damit sie nicht an sich selbst kaputt gehen?
Ich selbst zähle mich zu ihnen und ich kann mir bis heute noch nicht vorstellen, einen normalen Beruf auszuführen, der mir meine Zeit für meine Interessen stiehlt. Ich möchte Musik machen, produzieren, all‘ meine gesammelten Eindrücke in meinem bisherigen Leben in Hörbares formatieren, um anderen eine Geschichte zu erzählen und sie an ihre eigenen, längst vergangenen zu erinnern.
Wenn mich jemand fragt, wo ich beruflich hin möchte, antworte ich nicht immer gleich. Es kommt ganz darauf an, wer mich fragt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele den Wunsch belächeln, mit Musik Geld zu verdienen. Deshalb gebe ich jedem die Antwort, die für ihn am besten ist.
Das ist meine größte Wut: sich so oft einfach anpassen zu müssen, um ein wenig bequemer zu leben oder zumindest so zu leben, dass es gut erträglich ist, so lange man an seinen Umständen nichts ändern kann.
Diese Wut ist mein ständiger Wegbegleiter, obwohl ich sie mittlerweile so gut unterdrücken kann, dass sie kaum spürbar ist. Dennoch wirkt sie als Initiator für noch mehr Wut, vor allem die auf mich selbst: mich ständig zu fragen, ob ich nicht eventuell noch mehr machen könnte, um meinem Ziel näher zu kommen. Diese Wut hat mich schon des Öfteren in Verzweiflung getrieben. Und dafür hasse ich sie.
Wenn ich eines über Wut gelernt habe, dann ist es, dass Wut noch nie jemandem irgendetwas gebracht hat. Aber wieso gibt es sie dann? Ich glaube, die Wut ist eine Art Prüfung an uns selbst, eine Übung, in der es unsere Aufgabe ist, uns und unsere Gedanken zu kontrollieren.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, auf diese Weise ein großes Maß an Beherrschung gewonnen zu haben – zusammen mit emotionaler Beständigkeit. Vielleicht nicht allzu schlecht in unserer Zeit.
Johann Päßler ist 21 Jahre alt und lebt in Stollberg und Berlin.
Pedro Panaché
Submission — Pedro Panaché
Aufklärung
3. Mai 2014 — MYP N° 14 »Meine Wut« — Text: Pedro Panaché, Aus: Elementrack, Album: MARKIGE WORTE (2014)
Diese Tage sind gezeichnet von Stürmen
und es hagelt aus den Elfenbeintürmen
keine Fragen und keine Zweifel am Himmel
aber manchmal sind auch Wolken nur Schimmel
denn Legenden von Magie über Lüfte und Gestirne
trug der Wind erst auf Papier und dann in die Gehirne
jetzt streiten wir an Grenzen mit Waffen über sie
doch fragt man ihre Priester, sagen die, sie würden nie
wollen, dass sich einer an den Stürmen verletzt
ist es nicht toll, dass man sich darauf verlässt
wenn sich aus Luftunterschieden Gewitter formieren
sie nicht Hass kultivieren und Kinder indoktrinieren
dass sie nicht schlussendlich zum Hurricane führen
an dem alles unkenntlich verwüstet wird
doch dies ist nicht die Wahrheit, erst wenn goldenes Licht
durch die Donnerwolken bricht, herrscht endlich Klarheit.
__
Jemand musste mich verleumdet haben. Denn ich habe nichts Böses getan.
Tiefdruck. Die Ungerechtigkeit strömt in meinen Körper und kondensiert. Auf dem Boden der Tatsachen wird es dunkel: Wut zieht auf.
Meine Aura glüht einwärts, emittiert negative Energie.
Der Verstand blockiert den Affekt, wenn die Spannung es zulässt.
Fragen nach Schuld und Konsequenz strahlen von oben.
Unten kein Lichtblick. Ich hänge in der Gewitterzelle.
„Gefangener“ nenne ich mich selbstgefällig.
Mein Richtstab ist zum Bersten gespannt.
Ich lese die Anklageschrift. Rufe die Beschuldigten auf.
Oft kommen sie ohne Gesicht. Tragen die Uniformen eines Systems,
deren Teil Sie sind. Aber ich schaue genau hin und erkenne Menschen.
Doch die Erkenntnis entlastet mich nicht.
Negative Energie kann ich nicht wegdenken. Sie erhält sich.
Also wandle ich sie. Ich strebe nach Hochdruck. Output.
Ich nehme meinen Stift wie einen Hammer und richte
meinen Fokus auf das leere Blatt Papier. Enthülle die Geister.
Trenne Ursache und Wirkung. Der Wind dreht allmählich.
Jemand greift mich an. Doch ich kämpfe mit mir selbst.
So können die anderen nicht gewinnen.
Mögen sie spüren, wie ich stärker werde.
Pedro Panaché ist 23 Jahre alt, Musiker und lebt in Stuttgart.
Marc Cantarellas-Calvó
Submission — Marc Cantarellas Calvó
Gefesselt (innerer Monolog)
3. Mai 2014 — MYP No. 13 »Meine Wut« — Text & Foto: Marc Cantarellas-Calvó
Jetzt sitz‘ ich hier wieder vor dem leeren Blatt Papier. Gefesselt von meinen Gedanken, meinen Selbsterwartungen, etwas Großes zu schaffen. Von außen regungslos und kalt wie das bleich-weiße Blatt vor mir, aber Innen herrscht die Unruhe der Unzufriedenheit, die Angst, meinen Erwartungen nicht standzuhalten. Tobende Hitze; von Pulsschlag zu Pulsschlag donnert es der Deadline entgegen. Wut macht sich breit, übernimmt die Kontrolle über mich, über mein Bewusstsein: Ich kann nicht mehr klar denken, ich sehe alles verzerrt, ich bin wütend! Wie Seile schneiden und zerren diese Gedanken in mir – der größte Kampf: der Kampf mit mir selbst.
Durchhalten, weiter machen, weiter kämpfen… durch die Schlacht bis zu diesem einen Punkt!
Neue Welten entdecken – dorthin wo noch keiner seine Spuren hinterlassen hat. Die Kraft meiner Vorstellung mit meiner Leidenschaft bündeln und zu 1.000 Prozent an sich glauben. Meine Erfahrungen aufgestellt als Gefährten, die mich auf meinem Weg begleiten. Und den Pfad zu bestreiten und seine eigene Grenze zu überschreiten, um ein ungeahntes Level zu erreichen, wo nun klar wird, dass alles möglich ist, wenn man nur will – wo sich die ganze Kraft bündelt und Großes erreicht werden kann.
Um Sachen zu schaffen, die noch keiner gesehen hat, muss man Sachen machen, die nicht „normal“ sind, muss man Sachen machen, die keiner macht.
Durchhalten, weitermachen, weiter kämpfen… bis zu diesem einen Punkt – der Punkt, wo sich die Fesseln lösen, die Seile sich zu Zügeln schmieden und ich Herr meiner Gedanken werde: Herr meiner Selbstzweifel, meiner Unsicherheit, meiner Unzufriedenheit. Mache diese schwarzen Gedanken zu Marionetten meines Kampfes und bekämpfe Feuer mit Feuer. Von der Idee bis zum letzten Strich.
Mit jedem neuen Werk bestreite ich ein neues Gefecht – von Projekt zu Projekt. Jedes Mal auf ein Neues, jedes Mal ein neuer Kampf. Doch ich weiß, ich muss da jedes Mal durch – Nein! Ich WILL da jedes Mal durch!
Durchhalten, weitermachen, weiter kämpfen… bis zu diesem einen Punkt!
Den reißenden Weg durch all‘ die Gedanken, das Zerren und Ziehen, um mein Ziel zu erreichen: Das Ziel meiner Zufriedenheit!
Marc Cantarellas-Calvó ist 28 Jahre alt, arbeitet als freiberuflicher Grafikdesigner, Fotograf und im Filmbereich und lebt in Berlin.
Sarah Victoria Schalow
Submission — Sarah Victoria Schalow
Schatten der Wut
3. Mai 2014 — MYP No. 13 »Meine Wut« — Text: Sarah Victoria Schalow, Foto: Andreas Schlieter
Die Wut, die tragen wir in uns. Sie gehört zu uns, ist unser Motor, treibt uns an. Wir sind wütend, noch ganz klein, weil wir mit unserer kleinen Schwester die Bonbons teilen müssen, weil wir nicht das Traumspielzeug vom Weihnachtsmann bekommen, ohne das wir nicht leben können, weil Sailor Moon abgesetzt wird.
Wir sind wütend, weil wir nicht, wie alle unsere Freunde auch, bis Mitternacht draußen bleiben dürfen, weil wir nicht diesen ultrasüßen Typen treffen dürfen, keine Festivals stürmen und nicht nach Spanien trampen dürfen, weil sich `Take That` trennt, ohne uns zu fragen, weil wir nur ne 3 in Mathe bekommen, obwohl wir definitiv ne 2 verdient haben, weil die beste Freundin immer alles nachkauft.
Wir sind wütend, weil wir von hunderten Bewerbern nicht die bezahlbare Bude in bester Lage bekommen, weil unser NC nicht für das Psychologiestudium reicht, weil immer die anderen auf der „sunny side of life“ stehen, weil wir keine size zero sind und unsere Herzensangelegenheit, der Eine für´s momentane Leben, einer gemeinsamen Zukunft keine Chance geben kann oder will.
Und oftmals, wenn wir uns ganz ehrlich anschauen, sind wir wütend auf uns selbst. Weil wir viele Dinge ändern können und es nicht tun und weil wir andere Dinge nicht verhindern können und es nicht akzeptieren wollen.
Wut, in gesundem Maße, hält uns lebendig und in Bewegung. Sie zeigt uns, wie sehr wir Dinge, Erlebnisse und Liebschaften wollen und begehren.
Ich mag meine Wut. Mittlerweile. Und habe ihr ein Zimmer hergerichtet. Ab und zu besucht sie mich und bleibt nie lang. Und immer, jedes Mal, hinterlässt sie etwas.Fotos, Poster, Konzertkarten, getrocknete Blumen, Briefe, Zeugnisse, Annoncen, Kleidung, zerplatzte Seifenblasen. Kleine Erinnerungen unserer gemeinsamen Zeit und Grundsteine neuer Wünsche und Träume, die zunächst Schatten meiner Wut sind, dann leise flüsternde Geheimnisse werden, um schließlich zu greifbaren, kunterbunt glitzernden Formulierungen heranzuwachsen.
Also lass uns einfach unheimlich wütend sein, lass uns unbegrenzt liebend sein, lass uns unaussprechlich glücklich sein.
Denn verlieren wie unsere Wut, verlieren wir unsere Liebe.
Sarah Victoria Schalow ist 29 Jahre alt, Schauspielerin und lebt in Hamburg.
Benjamin Hanus
Submission — Benjamin Hanus
Die kleinen Dinge
3. Mai 2014 — MYP No. 13 »Meine Wut« — Text: Benjamin Hanus, Foto: Ines Heidrich
Ob ich wütend bin? Nein. Im Moment nicht. Im Moment liege ich auf einer Wiese in der Sonne, schwitze, leere ein Getränk nach dem anderen, esse gesalzene Pistazien, höre den Vögeln beim Singen zu und gebe mein Bestes diesen Text über Wut zu schreiben. Gar nicht mal so einfach bei der ganzen Harmonie, die mich hier zu umgeben scheint. Neben meinem Notizbuch macht sich eine Biene auf einer Löwenzahnblüte zu schaffen. Aufgeregt sitzt und brummt sie auf der gelben Blüte und sammelt fleißig den Blütenstaub ein. Gegenüber rollt, leise summend, eingepackt in eine Regenjacke und ausgestattet mit Schal und Mütze, ein Rollstuhlfahrer den Hügel hinauf. Und nebenan unterhalten sich zwei Männer, die sich augenscheinlich zufällig getroffen haben, über ihre Wochenendpläne. Für einen Augenblick verliere ich die Konzentration und vergesse warum ich hier liege. Ob ich wütend bin? Ich war selten entspannter.
Die Sonne versteckt sich hinter einer herannahenden Wolkenwand, die angrenzende Kirche spielt ein lautes Solo und die an- und abschwellenden Polizeisirenen lassen zum ersten Mal so etwas wie Ärger aufkommen. Na also, denke ich mir, jetzt kommen wir der Sache näher. Das Singen der Vögel hat sich zu einem sich überschneidenden Chaos aus Schreien und Pfeifen entwickelt. Reihenweise gezückte Handys, raschelnde Brötchentüten und der in meine Richtung durch die Luft wabernde Duft von Grillanzündern und verbranntem Fleisch, lassen meine innere Ruhe endgültig zerplatzen. Ob ich wütend bin? Ich denke ich mache unglaubliche Fortschritte.
Die Sonne lässt sich nun gar nicht mehr blicken und meine Blase, bis zum Anschlag gefüllt mit dem Inhalt von unzähligen geleerten Dosen, sendet in immer kleiner werdenden Abständen eindeutige Signale. Die von den herumliegenden Pistazienschalen und den klebrigen Resten der leeren Koffeingranaten angelockten Ameisen und die andauernd vor mir auf- und abziehenden Grillfraktionen geben meiner bereits mehrfach angezählten Laune den Rest. Mit einem beherzten Sprung stürzt sie sich vom Kap der schlechten Laune und schlägt mit einem leisen, monotonen Schnauben an einer ohrenbetäubend lauten Kreuzung auf.
Eine Gruppe von alten Männern wartet dort an einer roten Ampel darauf, dass diese auf Grün schaltet. Ihrer Unterhaltung entnehme ich, dass sie hier schon länger stehen. Mein Blick wandert ungeduldig an der Gruppe vorbei, bleibt für einen kurzen Moment im hämischen Licht der roten Ampel hängen und verhakt sich endgültig auf dem gelben, unbenutzten Ampelschalter.
Ich presse die Lippen aufeinander und versuche nicht die Beherrschung zu verlieren, als sich die Ampel, etliche Sekunden später, wie von Geisterhand dazu entschließt, uns mit Grün die Weiterreise zu gewähren und die Herren sich mit der stoischen Ruhe eines alten Berges schließlich in Bewegung setzen, um gemächlich die Straße zu überqueren. So langsam, dass die Ampel auf halber Strecke erneut ihre Meinung ändert, zurück auf Rot schaltet und die Männer im wahrsten Sinne des Wortes in einem unguten Licht erscheinen lässt. Begleitet vom Hupen und Fluchen der sich angestauten und wartenden Autofahrer, aber vollkommen unbeeindruckt, setzt die Gruppe ihre Reise auf der anderen Straßenseite fort und verschwindet schließlich im Licht der zurückgekehrten Abendsonne.
Verblüfft von soviel Gelassenheit, verharre ich nicht nur am Ort meiner Beobachtung, sondern ich lasse neben der langsam vor mir dahin fließenden Blechlawine, auch meine schlechte Laune vorbeiziehen. Ob ich wütend bin? Nein. Im Moment nicht. Im Moment stehe ich an einer roten Ampel und genieße die Ruhe.
Benjamin Hanus ist 26 Jahre alt, Grafikdesigner und lebt in Stuttgart.
MYP13 – Prolog "Meine Sehnsucht"
Editorial — MYP Magazine N° 13
Prolog »Meine Sehnsucht«
19. Januar 2014 — Muriel Wimmer fotografiert von Maximilian König
— Muriel Wimmer im Interview