Levin Liam

Portrait — Levin Liam

Für sich selbst

Mitte 2020 trat der 21-jährige Levin Liam zum ersten Mal mit seiner Musik ins Licht der Öffentlichkeit, jetzt folgt mit »For Myself« seine allererste EP. Die Platte ist nicht weniger als ein feinsinniges, gefühlvolles und sehr modernes Stück Musik, mit der er nicht nur uns beschenkt, sondern auch sich selbst. Dabei hätte die Welt fast nichts von seinen Songs erfahren.

30. Januar 2021 — MYP N° 30 »Gemeinschaft« — Text: Jonas Meyer, Fotografie: Nis Alps

Eigentlich gibt es keinen Grund, noch ein einziges Wort über das vergangene Jahr zu verlieren. Haken dran, nach vorne schauen. Besser so.

Eigentlich. Denn hätte es dieses 2020 mit seinem über viele Wochen eingefrorenen Alltag nicht gegeben, hätten wir wohl kaum erfahren, dass Levin Liam, 21 Jahre alt und bisher maximal als Nachwuchsschauspieler aus dem deutschen TV bekannt, Musik macht.

Klar, machen andere auch. Aber alleine die drei Tracks, mit denen sich Levin im zurückliegenden Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt hat, sind nicht weniger als eine wundervolle, feinsinnige und erfrischende Bereicherung dessen, was man so landauf, landab in seinen Platten- und Playlistsammlungen hortet. Songs, bei denen man neugierig gefragt wird, welcher Künstler das denn sei, wenn man sie unbekannten Ohren vorspielt.

»Mit meiner Musik an die Öffentlichkeit zu gehen, war etwas, was ich bewusst immer zurückgehalten hatte.«

Doch der Reihe nach. Denn wie bereits erwähnt, wäre es beinahe nicht dazu gekommen, zumindest nicht in 2020. „Mit meiner Musik an die Öffentlichkeit zu gehen, war etwas, was ich bewusst immer zurückgehalten hatte“, erklärt uns Levin im Interview. Zwar produziert er bereits seit 2013 Musik, und das in nicht geringem Maße. Aber damit auch nach außen zu treten, sprich das eigene musikalische Werk fremden Menschen zu präsentieren, dieses Bedürfnis habe er nie empfunden, gesteht er. Ein bisschen zu unsicher sei er gewesen. Und ein bisschen Scham habe dabei gewiss auch eine Rolle gespielt.

Ohnehin wirkt dieser junge Mann eher zurückhaltend in seiner Art und noch behutsamer in der Wahl seiner Worte, wie sich im Gespräch mit ihm immer wieder herausstellt. Manche würden so einen Charakter landläufig als hanseatisch bezeichnen. Und in der Tat: Levin ist zwar in Berlin geboren, aber in Hamburg aufgewachsen und sozialisiert. Seit 2018 studiert er Schauspiel an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater.

»Durch den Lockdown habe ich viel mehr Mucke gemacht als vorher.«

Doch als im März 2020 wegen Corona das öffentliche Leben mehr oder weniger zum Erliegen kam, verbrachte er seine Zeit wie Millionen anderer Menschen erst mal zuhause. Und da seine Hochschule massiv Unterrichtsstunden reduzierte, hatte Levin plötzlich sehr viel Zeit. „Durch den Lockdown habe ich viel mehr Mucke gemacht als vorher,“ erzählt er und ergänzt: „Das wurde immer mehr – und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich vielleicht doch mal etwas davon zeigen könnte.“

Ende Mai schließlich veröffentlichte er mit „Either Way“ seine allererste Single: ein melancholischer Track, auf dem er Hiphop-Elemente mit klassischen Klavierklängen kombiniert und immer wieder zwischen Gesang und Rap wechselt – ein Vorgeschmack auf die kompositorische Vielfalt, die in den nächsten Monaten folgen sollte.

»All die Jahre habe ich Musik nur für mich alleine gemacht.«

„Ich hatte keinerlei Erwartungen, das Ganze war ein Ausprobieren ins Blaue,“ erinnert er sich an die Veröffentlichung seiner ersten Single. Und so war es für ihn auch ein absolutes Novum, von anderen Menschen Feedback zu seiner musikalischen Arbeit zu erhalten. Ganz im Gegensatz übrigens zu seiner Schauspielerei: Levin steht vor der Kamera, seit er zwölf ist. „All die Jahre habe ich Musik nur für mich alleine gemacht und sie maximal ein paar engen Freunden gezeigt, von denen ich weiß, dass sie mir ohnehin gut gesonnen sind,“ verrät er. „Dass mir Leute, die ich nicht kenne, so positives und nettes Feedback geben, hat nach wie vor etwas sehr Beflügelndes. Es war eine wunderschöne Erfahrung, zum ersten Mal von extern zu hören: Es gefällt mir, was Du machst.“

Im August erschien mit „Break Me“ Levins zweite Single. Im Gegensatz zu „Either Way“ wird der Song im Wesentlichen getragen von einer sehr eingängigen, aber gleichzeitig fast verletzlich wirkenden Pianomelodie, die er mit seinem Gesang kombiniert. Spannend dabei ist, wie sich zu dem anfänglich eher klassischen, balladenartigen Charakter des Songs mit der Zeit immer mehr Beat- und Autotune-Fragmente mischen. Das macht „Break Me“ zu einem sehr modernen Stück Musik. Erfreulicherweise sind diese Fragmente mit so viel Feingefühl in die Komposition eingearbeitet, dass man den Song all den Menschen wärmstens empfehlen kann, deren Ohren von jener üblen Autotuneritis geschädigt sind, die in den letzten Jahren vor allem in der deutschen Musikbranche ihr Unwesen getrieben hat.

Im November schließlich folgte Single Nummer Drei. „Clouds“ ist – ähnlich wie „Break Me“ – ein feinsinniger, fast träumerischer Song, der ebenfalls von einer sehr ohrwurmigen Klaviermelodie lebt, aber noch stärker Levins Gesang in den Vordergrund stellt.

Levin kombiniert nicht nur unterschiedlichste Musikstile – er kuratiert sie regelrecht.

Vergleicht man die drei Singles insbesondere in Bezug auf die Präsenz des Gesangs und hinsichtlich der Melodieentwicklung, scheint es ein wenig so, als hätte Levin Liam im Laufe des Jahres immer mehr musikalischen Mut entwickelt. Gut so, denn das macht Lust auf mehr.

Und mehr gibt es auch, und zwar seit dem 29. Januar. Da ist mit „For Myself“ die erste EP des Musikers erschienen, auf der er sechs weitere Songs versammelt hat.

Hört man die Platte zum ersten Mal, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich dabei heimlich, still und leise ein Lächeln auf das eigene Gesicht legt. Denn erstens kombiniert Levin auf „For Myself“ nicht nur unterschiedlichste Musikstile – er kuratiert sie regelrecht. Und zwar so, als würde er für ein Abendessen mit unterschiedlichsten Gästepersönlichkeiten die Sitzkärtchen verteilen, um bei Tisch möglichst interessante Konversationen zu provozieren. Seine drei Debütsingles aus dem vergangenen Jahr hatten darauf ja bereits einen ersten Vorgeschmack gegeben.

Zweitens – und das ist der vielleicht viel wichtigere Aspekt – hantiert Levin innerhalb der einzelnen Songs so spielerisch mit verschiedenen Tempi, Rhythmen und Stimmungen, dass immer wieder ganz besondere Momente der Überraschung entstehen. Ein Mechanismus, den man auch so erleben kann, wenn man zum ersten Mal etwa mit den frühen Werken der Foals in Berührung kommt.

»Ich wollte einfach erreichen, dass ich es persönlich geil finde.«

So ergibt sich insgesamt ein musikalischer Stil, der seinen Vergleich eher auf der internationalen als auf der nationalen Bühne sucht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Levin seine Musik über die letzten acht Jahre des privaten Produzierens akribisch entwickelt hat – nur dass man von diesem Evolutionsprozess einfach nichts mitbekommen hat, da Levin bis Mai 2020 nie etwas publiziert hatte.

„Ich habe mich in all den Jahren in etlichen Bereichen ausprobiert, etwa in Neoklassik- oder reinen Klavierkomposition,“ erzählt er. „Daneben habe ich aber auch viel Hiphop produziert. So konnte ich mich ganz entspannt darauf konzentrieren, wie ich genau die Musik erschaffen kann, die ich selbst auch höre oder hören will – allerdings ohne dabei die Barriere im Kopf zu haben, eine ganz bestimmte Form finden zu müssen.“ Oder kurz gesagt: Er wollte einfach erreichen, dass er es persönlich „geil“ findet.

»Wenn man als Jugendlicher noch sehr in der Selbstfindung steckt, ist das Singen nicht selten mit einer gewissen Scham behaftet.«

Auch wenn die Anfänge von Levins musikalischer Arbeit bereits acht Jahre zurückreichen, hat er erst relativ spät damit begonnen, zu seinen rein instrumentalen Produktionen auch Texte zu schreiben – und diese auch selbst zu singen. Das war für ihn alles andere als selbstverständlich: „Bevor ich angefangen habe zu studieren, habe ich zwar immer schon gerne gesungen, aber damit bin ich nie in irgendeiner Form laut geworden. Ich habe das eher für mich ergründet,“ gesteht er und ergänzt: „Wenn man als Jugendlicher noch sehr in der Selbstfindung steckt, ist das Singen nicht selten mit einer gewissen Scham behaftet.“

Geholfen dabei habe ihm, so erzählt er, das Studium an der Hochschule. „Diese Ausbildung hat in erster Linie einen grundsätzlichen Anteil daran, wie ich mich in den letzten Jahren als Mensch entwickelt habe. Der Unterricht hat mir sehr viel Sicherheit gegeben.“ Dann zögert Levin für einen Moment und fügt hinzu: „Die persönlichen Erfahrungen und Entwicklungen, die man dort über die Zeit macht, sind allgemein sehr prägend für alle Richtungen, die man bei seinem künstlerischen Schaffen einschlägt.“

Am Ende sei es die beste Entscheidung gewesen, sich auch an das Texten und Singen zu wagen, erzählt er: „Dadurch wurde etwas völlig Neues zu dem addiert, was schon eine ganze Weile bestand. Ich glaube, das ist der Hauptgrund, warum meine Songs letztendlich so viele verschiedene Formen angenommen haben.“

»Ich kann nicht wirklich abschalten, wenn ich in einem Song meine Sprache höre.«

Dass er dabei ausschließlich Englisch singt, liegt keineswegs an einem angelsächsischen Familienhintergrund, wie man vielleicht vermuten würde. Bei so einem Namen schlägt das Hirn ja gerne eine gedankliche Brücke zu einem der Gallagher-Brüder, zumindest bei Menschen, die sich noch an die Musik der Neunziger erinnern können. Liam ist Levins zweiter Vorname, auf seinen Nachnamen verzichtet er im öffentlichen Auftreten, seit er als Kind in der internationalen Produktion „Wolfskinder“ die Hauptrolle spielte und man ihm riet, sich dadurch vor allzu großem Presserummel zu schützen.

„Ich persönlich tue mich schwer mit der meisten deutschsprachigen Musik,“ sagt er und erklärt: Ich kann nicht wirklich abschalten, wenn ich in einem Song meine Sprache höre.“ Außerdem, so ergänzt er, tue er sich schwer mit vielen deutschsprachigen Künstlern, die englische Texte machten: „Leider wirkt es oft so, als hätte man etwas auf die Musik draufgestülpt, das nicht zu ihr gehört.“

»Für mich braucht Musik eine in sich geschlossene Sprache, die sich von der distanziert, in der man sich unterhält.«

Dass Levin dennoch für seine eigenen Songtexte die englische Sprache gewählt hat, liegt in erster Linie daran, dass er selbst fast nur englischsprachige Musik hört. „Für mich ist das fast wie eine eigene Sprache, in der man sich ganz automatisch die jeweiligen Slangs und Tonalitäten abschaut,“ erzählt er. So lässt sich zumindest das Schnelle, Fließende erklären, womit er seine Texte in die Songs einarbeitet und damit nicht weniger als eine Art Diffusion erzeugt.

„Mir ist es immer sehr wichtig, dass die Musik, die ich persönlich höre, eine eigene Sprache hat“, hebt er hervor. „Für mich braucht Musik eine in sich geschlossene Sprache, die sich von der distanziert, in der man sich unterhält. Und die auch nicht die Absicht hat, etwas konkret zu beschreiben.“

»Wenn ich mich an deutschen Texten versuche, komme ich schnell an einen Punkt, an dem für mich alles zu konkret und naturrealistisch klingt.«

Levin würde es nicht ausschließen, in Zukunft auch mal einen deutschen Text zu schreiben. „Aber wenn ich mich daran versuche, komme ich schnell an einen Punkt, an dem für mich alles zu konkret und naturrealistisch klingt und mich gleich rausreißt aus meinem eigenen Erleben als Zuhörer,“ gesteht er.

Fragt man den jungen Mann nach der Musik, die ihm selbst in den letzten Jahren emotional am nächsten stand, die ihn begleitet hat im Alltag wie in besonderen Momenten, versteht man ein bisschen besser, warum seine eigenen Songs so geworden sind, wie sie sind. Von Schubert und Chopin redet er dann, genauso wie von Nils Frahm und Chilly Gonzalez. Aber auch von Kanye West und dessen fünftem Studioalbum „My beautiful dark-twisted fantasy“. Und hört man in das Intro seiner ersten EP oder in den Song „So Sure“ hinein, würde man zudem wetten, dass der Junge bestimmt schon mal über Guns N‘ Roses beziehungsweise Charlie Cunningham gestolpert ist.

Vielleicht ist diese gehörte Vielfalt auch dafür verantwortlich, dass es in Levins eigener Musik immer wieder positive Störer gibt, die sie eher ungeeignet machen für die Einkaufsradio-Beschallung deutscher Supermärkte.

»Was ich sehr mag an Musik, ist ein intensives Zusammenspiel aus Harmonie und Melodie.«

Pop nach Schema F können und wollen Levins Songs auch gar nicht liefern. Dazu gerieren sie sich viel zu sehr wie flüchtige Momentaufnahmen von Gedanken und Gefühlen, an denen man in der einen Sekunde noch sehr schwer trägt, an die man sich aber bereits in der nächsten Sekunde kaum mehr erinnern kann.

„Die Musik, die ich selbst höre, geht auch eher in eine dunkle, aber warme Richtung,“ erklärt Levin. „Das löst am ehesten etwas in mir aus – etwas Träumerisches, Düsteres.“ Und er fügt hinzu: „Was ich sehr mag an Musik, ist ein intensives Zusammenspiel aus Harmonie und Melodie. Das findet sich in etlichen Genres wieder: In seiner Grundform in der Klassik, aber genauso auch in moderner Musik, sogar im Hiphop. Wenn Harmonie und Melodie intensiv zusammenspielen, dann löst das etwas aus in mir.“

»Die Gefahr ist viel zu groß, dass man in eine Gemütlichkeit gerät, in der man sich nicht mehr beweisen muss.«

Ist das letztlich der Grund, warum er seiner EP und einem der neuen Songs den Titel „For Myself“ gebeben hat? Man fühlt unweigerlich an die Worte von Rainer Maria Rilke erinnert, die er in seinen Briefen einem um Rat suchenden jungen Dichter richtet:

Muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie Ihr Leben nach dieser Notwendigkeit; Ihr Leben bis hinein in seine gleichgültigste und geringste Stunde muß ein Zeichen und Zeugnis werden diesem Drange.“

Und tatsächlich: Als Künstler, so erklärt uns Levin, strebe er nach einem Zustand, in dem er sein Schaffen so weit wie möglich abschirmen kann von jedweder Beeinflussung oder Bewertung von außen. „Die Gefahr ist viel zu groß, dass man bei viel positivem Feedback in eine Gemütlichkeit gerät, in der man sich nicht mehr beweisen muss,“ sagt er und ergänzt: „Bisher hatte ich das große Glück, dass ich in den letzten acht Jahren alleine aus der Motivation heraus Musik machen konnte, mich künstlerisch weiterzuentwickeln – und es so klingen zu lassen, wie ich es selbst als Hörer auch hören will.“

»Vieles, was wir im Film zeigen, kann ich in ganz persönlichen Situationen und Momenten meines Lebens verorten.«

Mit dem Release der EP am 29. Januar hat Levin auch einen knapp achtminütigen Film veröffentlicht. Das Besondere an diesem Streifen ist, dass es sich dabei um ein songübergreifendes Video handelt. Zusammen mit dem Regisseur Malte Thomsen hat er darin die Tracks „Lotto“, „For Myself“ und „So Sure“ zu einer Art audiovisuellen Traumsequenz verwoben.

Der gefühlvolle Film, für dessen Realisation die beiden unter anderem den Kameramann Philip Jestädt und die Schauspielerin Joyce Sanhá gewinnen konnten, entstand Mitte letzten Jahres im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern und an der dänischen Küste. „Die Bilder basieren auf dem, was Malte und ich gemeinsam an Inhalten und Bedeutungsebenen aus meinen Songtexten herausgearbeitet haben,“ erzählt Levin und lässt uns wissen: „Vieles, was wir im Film zeigen, kann ich in ganz persönlichen Situationen und Momenten meines Lebens verorten. Das wiederum hat Malte als Basis genommen, um daraus etwas ganz Eigenes zu machen.“

»Durch den Film darf ich meine Lieder auf eine neue, ganz andere Weise sehen und erleben.«

Das Video, so erklärt uns der junge Musiker, hätten die Songs für ihn selbst nochmal auf eine andere inhaltliche Ebene gehoben: „Die Lieder sind ja ursprünglich aus ganz persönlichen Erfahrungen und Gefühlen entstanden. Durch den Film darf ich sie jetzt als externer Beobachter auf eine neue, ganz andere Weise sehen und erleben.“ Lieder, von denen er vor genau einem Jahr noch gar nicht gedacht hätte, dass sie überhaupt mal existieren würden.

Und so ist jenem schicksalhaften Jahr 2020 am Ende doch noch etwas Gutes abzugewinnen, denn es hat uns die Musik von Levin Liam beschert – angespült wie eine Schatzkiste am Strand, die man dringend öffnen sollte, um sich selbst ein kleines Geschenk zu machen.


Flynn

Interview — Flynn

Of Faith, Fear, and Fishing

Facing the end of 2020, we should only talk about the good and beautiful things in life. Music is an essential part of it, and for quite a few people, fishing. Irish singer-songwriter Flynn lost his heart to both of them. We met the young musician for a very personal chat about his first EP, the significance of faith in his music, and the hidden insecurities of many musicians, including himself.

20. Dezember 2020 — MYP N° 30 »Community« — Interview: Katharina Weiß, Photography: Frederike van der Straeten

In the midst of all the news and prophecies of an imminent Armageddon, there is always a part of the world’s population that additionally has to deal with the matter of coming of age.

Listening to “One Of Us,” the first EP of Irish singer-songwriter Flynn that was released in the midst of this turbulent year, reflects on that very issue—because the record is unpolitical in a pure sense. Its youthfulness comes from the everlasting topics of the first love, the first losses, and the adventurous journey of growing up.

Flynn himself was born and raised in Mullingar, a small town 80 kilometers west from Dublin. The young man, who was given a guitar by his stepfather at the age of 17, started where most musicians start: from scratch. Trying to make a living as a street musician a couple of years ago, he sometimes slept on a park bench or on a friend’s couch to make ends meet.

Flynn’s breakthrough came through a songwriting competition in Ireland, which brought him local fame and notoriety. A friend had signed him up for the competition without telling him. Although Flynn didn’t win, his videos went viral afterward and the press became aware of him—as well as his today’s manager.

His talent took the young man from Mullingar to L.A., where he worked with renowned producers such as Blair MacKichan and Toby Scott. In early 2019, Flynn was featured on the song “Recognise” by Belgian DJ and producer Felix De Laet aka Lost Frequencies—a collaboration that not only brought him onto the stages of Tomorrowland and Parookaville but also to more than 40 million streams on Spotify.

In his private life, the Irish singer-songwriter prefers to take it easy: He loves fishing—a hobby that seems to be a little unusual for someone his age. But Flynn himself says that fishing calms him down and he very much enjoys the peace that comes with it. Maybe we should try that too, sometime.

»I seem to be always drawn to things that aren’t good for me.«

Katharina:
I heard that the ballad “I Don’t Wanna Love You” is your favorite song on your EP. Why’s that?

Flynn:
I seem to be always drawn to things that aren’t good for me. In this song’s case, it’s about a person I was seeing for longer than I should have been. I guess writing and releasing this one helped me put the whole experience behind me and just move on.

Katharina:
Have you ever played the song to the person who inspired you to it?

Flynn:
No, not yet—it’ll be a big surprise!

»I want my songs to resonate with other people.«

Katharina:
While trying to make it in the music industry, you were sometimes sleeping on a park bench. What made all the effort worth it?

Flynn:
Working with Felix from Lost Frequencies was huge for me. Having such a large number of people around the world reacting to our song gave me the confidence that I needed to keep going and releasing more of my own stuff, I guess. Working with Felix was a great experience, he’s a lovely guy!

Katharina:
If you could count on endless resources, what would be your artistic vision?

Flynn:
My artistic vision is to stay true to myself, to always write from the heart, and to be honest. I want my songs to resonate with other people because I don’t just write them for me: I write music for everyone.

»I enjoy exploring my own head for new ideas when I’m alone.«

Katharina:
How will that reflect in your live shows, which will hopefully take place again when the pandemic is over?

Flynn:
For me, playing live is the most important part because you can feel that real connection with your fans. I like to make it as exciting as possible for them. My gigs are upbeat and fun but also serious, I try to show a lot of variations.

Katharina:
What social spaces make you most creative?

Flynn:
I am a collaborative person. I love to write with other people who encourage me to get the best out of my music. That’s the usual process. But I am very introverted as well, so I also enjoy exploring my own head for new ideas when I’m alone.

»Deep down, some of us aren’t as self-assured as people expect us to be.«

Katharina:
You mentioned that you consider yourself an introvert, which is what many artists use to say. Why do creative people so often tend to confront themselves with the fear of being in the center of attention?

Flynn:
I personally think this gives us the confidence that we really need in life. Deep down, some of us aren’t as self-assured as people expect us to be. And the performance side of our lives really helps us believe in ourselves. It gives us the courage to move on with our lives. Additionally, the loneliness can help to get rid of distractions that block creative processes.

»I wouldn’t walk into my local pub like I would walk onto stage.«

Katharina:
You sound like you try to explore yourself a lot. Which demons of yours have you met so far?

Flynn:
Quite a few. I faced a lot of struggles with anxiety. The pressure of the music industry is exciting, but it can be quite overwhelming at times too. It is a very competitive industry and that brings many fears to the surface. But overcoming them gives you a great feeling of strength. I also have a hard time with people’s perception of me. It’s very easy to identify me with the appearance I put out on social media and forget that this is my work mode—and that there’s a private life behind that artistic expression. The opposite of my experiences in the music industry is what happens in my hometown in Ireland. I wouldn’t walk into my local pub like I would walk onto stage, for example.

»A conversation with me during a fishing trip could really be about anything but music.«

Katharina:
If I would join you on a fishing trip, which is a beloved hobby of yours, what would we talk about?

Flynn:
Usually just fishing talk. And about nature. I love nature!

Katharina:
And dinner afterward?

Flynn:
In Ireland, I fish on canals and lakes and the species of fish I catch aren’t exactly edible. We catch them for fun and let them back in the water to live their lives. A conversation with me during a fishing trip could really be about anything but music. That’s my meditation. I like to think about any other topic than work.

»It felt good to slow down for a while.«

Katharina:
What happened in your life during the lockdown?

Flynn:
I was back home with my mom, stepdad, and my sister. I tried to follow the formula fit body, fit mind, so I spent a lot of time on my rowing machine. Besides that, I drank a little too much red wine in the evenings and spent too long on my Playstation! But overall, I just really enjoyed the step back. It felt good to slow down for a while.

»Faith, in a more abstract way, is a part of my music.«

Katharina:
Your lyrics are very general, it’s pop in the best sense: After listening to the EP, I absolutely don’t have a clue what political party you vote for or if you are religious. What are the philosophical cornerstones of your identity?

Flynn:
Faith and religion are an important part of Irish culture. My parents are quite religious, and I went to a catholic school. Faith, in a more abstract way, is a part of my music. But what really drives my music are everyday observations and coming-of-age experiences. I try to really live in the sense that I put myself in difficult situations. I don’t back out because, without these experiences, there isn’t really much to talk about.


Toby Binder

Photo series — Toby Binder

Wee Muckers

For his book »Wee Muckers – Youth of Belfast« photographer Toby Binder documented the everyday life of teenagers in Northern Ireland's troubled capital. Although the peace agreement between Protestants and Catholics dates back more than 20 years now, Belfast is still a place where it’s hard to grow up. On both sides.

8. Dezember 2020 — MYP N° 30 »Community« — Photography: Toby Binder

»If I had been born at the top of my street, behind the corrugated-iron border, I would have been British. Incredible to think. My whole idea of myself, the attachments made to culture, heritage, religion, nationalism, and politics are all an accident of birth. I was one street away from being born my ‘enemy’.«

— Paul McVeigh, Belfast-born novelist

Photographer Toby Binder has been documenting the daily life of teenagers in British working-class communities for more than a decade. After the Brexit referendum, he focused his work on Belfast in Northern Ireland where Protestant Unionists and Catholic Nationalists live in homogeneous neighborhoods that are divided by walls till today. But the problems they struggle with are similar—no matter which side of the Peace Walls they live on.

The open border between Northern Ireland and Ireland was a major condition for the Good Friday Peace Agreement 1998 — after 30 years of civil war. But after the Brexit in January 2020, and its actual implementation after the end of the transitional period at the end of the year, Northern Ireland also had to leave the European Union. There is great concern that a “hard” border could revive the Northern Ireland conflict. The sectarian separation also continues to this day. As a result, for the young generation there is no chance of growing up unencumbered in Belfast — on either side.

Armed conflicts are something that all teenagers in Northern Ireland today know only from the stories of the older generation. But if the border with the Republic of Ireland were to become a “hard” external border of the EU again, it is feared that this could be a blow to the still fragile peace process in Northern Ireland.

The majority in Catholic-nationalist neighbourhoods voted to stay in the EU, most people in Protestant-loyalist neighbourhoods voted for Brexit. This referendum result made very clear how different the vision of Northern Ireland’s future is in these two camps and how deep the resentment of the past lies.

The economic disadvantages of leaving the European Union without follow-up economic agreements are likely to affect mainly socially deprived neighbourhoods. It is therefore feared that the violence in the traditional working-class districts — the former strongholds of the IRA on the Republican side and the UVF on the Loyalist side — could flare up again.


Rachel & David Hermlin

Portrait — Rachel & David Hermlin

Retro in die Zukunft

Mit Durchhaltevermögen durch die Krise: Die Musiker Rachel und David Hermlin streamen seit über 250 Tagen aus ihrem Wohnzimmer. Ein Gespräch über eine schillernde Familiengeschichte, das Kribbeln des Swing und die digitale Community der »Hermlinvillers«.

29. November 2020 — MYP N° 30 »Gemeinschaft« — Text: Katharina Weiß, Fotografie: Frederike van der Straeten

Aufgeweckt, unverbraucht, schillernd: Wenn Rachel und David Hermlin auf der Bühne stehen, dann weht das Flair einer längst vergangenen Ära durch den Raum, das auch Menschen aus dem 21. Jahrhundert tief berühren kann. Vor allem in einer Zeit, in der Tanzverbot auf öffentlichem Parkett herrscht, zeigen Vintage-Virtuosen wie The Swingin‘ Hermlins, wie gut historische Ästhetik manchmal mit dem Lebensgefühl der eigenen Epoche korrespondieren kann: Der Swing war der Soundtrack der Großen Depression in den 1930er Jahren. Er lenkte die Menschen von ihrer Verzweiflung ab.

Heute hilft Swing vor allem gegen Einsamkeit. Seit Beginn der Coronakrise streamen die musikalischen Geschwister aus ihrem Wohnzimmer. Die Idee dazu hatte ihre Mutter, Joyce Hermlin. Sie erkannte bereits in den ersten Tagen der Pandemie, dass das Internet eine passable Ausweichplattform sein kann, wenn die große Bühne erst mal ausfällt – übrigens nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für ihren Mann Andrej Hermlin, dem Leiter des Berliner „Swing Dance Orchestra“.

Während vor allem in den ersten Wochen der Krise noch relativ viele Künstler diesen Ort für improvisierte Auftritte nutzten, sich dann aber mit der Zeit immer mehr in Unregelmäßigkeiten verloren, sind die Hermlins nach wie vor am Ball und streamen munter weiter.

Dass dies seit über 250 Tagen so gut funktioniert, liegt auch an der faszinierenden Kulisse, aus der die Familie sendet. Ihr Haus wurde in den 1920er Jahren erbaut und ist im Stil des Art Déco eingerichtet. Die Alliierten überließen Großvater Stephan Hermlin, einem kommunistischen Juden und berühmten Schriftsteller, nach Kriegsende die Stadtvilla im Bezirk Pankow. Seit 1947 wohnte die Familie dort zur Miete, Andrej Hermlin kaufte das Haus später.

»Unser Urgroßvater war sehr gut mit Max Liebermann befreundet, der unsere Urgroßmutter mehrfach gemalt hat.«

An den Wänden hängt Kunst aus der Vorkriegszeit, vor allem die Original-Skizzen des berühmten Malers Max Liebermann machen Besucher neugierig. „Unser Urgroßvater David Leder, ein Textilfabrikant, war sehr gut mit Max Liebermann befreundet, der unsere Urgroßmutter Lola mehrfach gemalt hat. Hier hängt sie“, erklärt David Hermlin und zeigt auf eine Replik an der Wand. Das Originalgemälde seiner Urgroßmutter befindet sich seit langem in Privatbesitz.

Zur Familiengeschichte der Hermlins gehört auch eine russische Großmutter, die im Souterrain des Anwesens wohnt. Darüber hinaus deuten viele bunte Statuen auf die Einflüsse der kenianischen Mutter von Rachel und David hin. Große Fußstapfen, doch der 17-jährigen Rachel und dem 20-jährigen David merkt man schon jetzt ihre Furchtlosigkeit und vor allem die Abenteuerlust an.

»Als Schwarze hätten wir damals nicht viele Privilegien gehabt.«

„Mich hat stets diese Eleganz fasziniert. Ich verbinde die Swing-Musik, die ich spiele, gerne mit der Kleidung. So kann ich nachspüren, wie das damals gewesen sein muss. Zudem liegt in dieser Ästhetik eine gewisse Haltung, die mich anzieht“, sagt David. Er und seine Schwester betonen aber, dass sie sich voll und ganz dem Slogan vintage fashion, not vintage values verschrieben haben. „Wir lieben die Filme, die Musik, die Architektur, die Kleidung“, erklärt Rachel. „Aber unsere Zeit ist auch die der Smartphones und wir nutzen sehr viel Social Media – das ist nun mal die Welt, in der wir leben.“ Und ihr Bruder David fügt hinzu: „Wir sind auch ganz froh, dass wir in dieser Zeit leben. Als Schwarze hätten wir damals nicht viele Privilegien gehabt.“

»Ich dachte: Wow, erst durch diese Situation nehmt Ihr mich jetzt wahr.«

Eines der Nebenphänomene der Black Lives Matter-Bewegung in diesem Jahr war die Aufklärungsarbeit, mit der Schwarze Vintage-Fans auf einmal an Instagram- oder Pinterest-Communitys herangetreten sind: Auch wenn es in den 1920er und 1930er Jahren überaus viele Schwarze Künstler gab, sind viele von ihnen in der Reimagination historischer Kontexte in Vergessenheit geraten. Das führt dazu, dass gegenwärtige Illustratoren in ihrer Darstellung der Gatsby-Ära eher auf Weißes Personal zurückgreifen. Viele Schwarze Dandys und Diven aus der Gemeinschaft der Vintage-Virtuosen haben in diesem Zuge auf diese Schieflage hingewiesen.

Dass dies gefruchtet hat, merken David und Rachel zum einen an viel neuer Kunst mit Schwarzen Körpern, die daraufhin auf Instagram immer sichtbarer wird. Zum anderen schossen bei vielen nicht-Weißen Mikro-Influencern aus der Vintage-Sphäre die Followerzahlen in die Höhe. Diese Entwicklung ist auch an Rachel nicht vorbeigegangen: „Einerseits habe ich mich gefreut. Anderseits war ich verwundert, weil ich dachte: Wow, erst durch diese Situation nehmt Ihr mich jetzt wahr.“

Rachel hat sich vor zwei Jahren dem Retro-Stil verschrieben und fing kurz danach auch mit dem Singen an. Wenn sie sich nicht um die Pflege ihres Pferdes kümmert, das auf einem Reiterhof im Norden Pankows steht, tauscht sie sich mit anderen begeisterten Swing-Liebhabern im Internet über Frisurentipps oder Secondhand-Shopping aus. Vor kurzem hat Rachel ihren Realschulabschluss gemacht. Als sie noch zur Schule ging, stand sie jeden Tag um 5:30 Uhr auf, um ihre Haare im Look der Dreißigerjahre zu stylen. Als Ikone nennt sie die US-amerikanische Sängerin und Schauspielerin Lena Horne, zudem ist sie von der Jazzsängerin Ivie Anderson inspiriert.

»Das Ziel des Swing ist es, Menschen eine Freude zu machen.«

Das Vergnügen, das die Geschwister in ihrer Swing-Szene finden, erfasse den ganzen Körper, erzählen sie. „Was ich verspüre, wenn ich diese Musik interpretiere, ist ein gigantisches Kribbeln,“ sagt Rachel. Dieses Kribbeln übertrage sich auch auf die Zuschauer, hält David fest und ergänzt: „Das Ziel des Swing ist es, Menschen eine Freude zu machen.“ Die Energie der Musik komme besonders gut im Rhythmus zum Ausdruck, weshalb David auch Schlagzeug spielt.

»Ohne Kultur, das wissen wir alle, ist das Leben schrecklich langweilig.«

Den beiden fehlen ihre großen Live-Auftritte. In ihren Streams erklären sie daher immer wieder, dass es wichtig sei, dass man auch Künstler als Risikogruppe begreife. „Die Existenz von Menschen, deren Lebensaufgabe darin besteht, vor großen Menschenmengen aufzutreten, ist gerade sehr gefährdet. Und ohne Kultur, das wissen wir alle, ist das Leben schrecklich langweilig“, sagt David.

»Wir blühen in der Krise auf.«

Nicht nur das ZDF heute-journal, sondern auch die Los Angeles Times und The Guardian haben bisher über die Vehemenz berichtet, mit der die Familie Hermlin ihre Shows ins Digitale zu übersetzen versucht. „Wir blühen in der Krise auf“, erklärt David mit ehrlicher Verwunderung. Swing-Liebhaber und andere Vintage-Virtuosen aus dem Cyberspace hätten sich im Laufe der Monate zu einer Community zusammengefunden, die sich selbst „Hermlinville“ taufte. Die Beständigkeit tue den Menschen gut, denn die kleine Band aus Berlin biete Anlass für Austausch und neue Motivation, erzählen Rachel und David.

Und so hören die Geschwister immer wieder erstaunliche Geschichten: Wie etwa die eines amerikanischen Zuschauers, der nach 30 Jahren seine Trompete entstaubte, weil ihn „The Swingin‘ Hermlins“ so inspiriert haben. Good ol‘ Internet, Du bist ja doch für etwas gut.


Joesef

Interview — Joesef

A Sense for Community

With his second EP »Does it Make You Feel Good,« Scottish singer Joesef has released a soulful and intimate piece of music—once again. The 25-year-old musician talks with us about the essence of Glasgow, the benefit of sadness in music, and what kids shouldn’t learn from him.

13. November 2020 — MYP N° 30 »Community« — Interview & text: Jonas Meyer, Photography: Maximilian König

Visiting Glasgow for the very first time in your life can be a very strange experience. People there are incredibly friendly and not so easily bothered, an abrupt change for those who are—at least in their own hometowns—used to a harsh tone and rushed attitude (we won’t name any cities in particular).

Glaswegians care in a calm but obliging way: about friends and strangers, guests and family, young and old. They are a sometimes odd yet open-minded community, with a good sense for the common good, and for music.

One of the latest, most noteworthy children of Glasgow is Joesef, a 25-year-young musician now based in London. His soulful songs sound like he has already lived a very long life and seen the entire world, carrying all its pain on his tongue. But he only released his first EP last year, “Play Me Something Nice,” and he has the habit of producing all his music from his bedroom.

But what does this mean in times when an American presidential candidate manages his election campaign from his basement? And students around the globe try to change the world from their childhood bedrooms, not just on Fridays? Joesef and his audience came together through social media—and it seems that this won’t be a short-term relationship.

A few days ago, the warm-hearted but somewhat shy singer released his second EP, “Does it Make You Feel Good.” We meet him for an interview on a sunny autumn day in Friedrichshain—a Berlin district with also a special tone and attitude, by the way.

»In a bad situation, there can always be something good, even if it's just a song.«

MYP Magazine:
People like to describe you as a “sadboy.” Is that a title you can relate to? Or is it something that annoys you more and more?

Joesef:
I feel that this word is something that was mentioned in the past—and it kind of stuck. But it doesn’t bother me, honestly. It’s just that people are more or less surprised when they meet me because they expected I was sad as fuck. So, I think it’s kind of funny.

MYP Magazine:
But I suspect that even you feel sad from time to time…

Joesef:
Aye!

MYP Magazine:
What is the benefit of an emotion like sadness in terms of being creative and writing a song?

Joesef:
Sadness and loneliness are the worst emotions ever, they make you feel you’re the only person in the world. But they are also kind of unifying in terms of music. If you can hear yourself in a song and you can relate to that, you feel a little less alone. That’s the positive aspect of it. In a bad situation, there can always be something good, even if it’s just a song.

»Glaswegians can smell bullshit. That’s what made me be more honest to myself and my mates.«

MYP Magazine:
I personally have a very touristy, romanticized image of Glasgow. How do you see your hometown yourself?

Joesef:
I’m from the East End of Glasgow which is probably the roughest part of the city…

MYP Magazine:
… a “concrete jungle” as you said in another interview.

Joesef (smiles):
Yes. But even at the East End of Glasgow, everybody is so welcoming and has a strong sense of community. You can stand at a bus stop and the person next to you will speak to you, just ask how you’re doing and what you’re up to. I think that’s something you can’t get anywhere else—this city is like my favorite place in the world! At some point I’ll go back there, have my cats and raise a family. I’m born in Glasgow and I definitely will die in Glasgow. The weather is fucking shit, but the people are amazing.

MYP Magazine:
How did this environment support you in your development as an artist?

Joesef:
People in Glasgow are all working class. They teach you that you need to put yourself forward because you usually don’t get a second chance. I think that’s the reason why I’ve become a very passionate do-or-die person. And besides that, Glaswegians can smell bullshit. That’s what made me be more honest to myself and my mates.

»When I was really young, I remember that being gay was a bad word, even in Glasgow.«

MYP Magazine:
You are very open about your sexuality, personally and in your music. Imagine if you had grown up in Glasgow a few decades earlier–or today in Russia, for example–at a time or in a place where this kind of openness would not be possible. Do you think you would have become a musician at all?

Joesef:
If I had lived in the 80s, for example, I think I would have become a singer anyway. But due to the fact that people like George Michael were absolutely hell-of frightened by the press for being gay and stuff, it would have made me think twice of being totally honest in my music and opening up like I obviously do today. That would definitely have caused a serious backlash to my career.
I’m so lucky to be born in this time, my generation seems to be very progressive. But when I was really young, I remember that being gay was a bad word, even in Glasgow.

MYP Magazine:
Do you feel kind of a responsibility enjoying this freedom?

Joesef:
Nah, I don’t really feel responsible, not actively. I’m just living my life and when anybody can see themselves in my music which makes them feel more comfortable, that can eventually be a good thing.

»When there’s just one guy who can see himself in me and my life, that’s class!«

MYP Magazine:
What can queer kids around the world learn from you?

Joesef (smiles):
When I was young, I’ve never seen someone like me from a housing estate who was talking about boys and stuff all the time. When there’s just one guy who can see himself in me and my life, that’s class!

MYP Magazine:
And what should kids better not learn from you?

Joesef:
I mean, I definitely drink too much. So, don’t get drunk, kids! Besides that, I’m a very standard guy.

»I’m not that kind of person who tells people my secrets.«

MYP Magazine:
Your music is very personal and emotional—something a lot of people can relate to. At the same time, you’re a person who describes yourself as being uncomfortable with sharing personal aspects of your life. How did you resolve this contradiction?

Joesef (laughs):
It’s very weird. I’m actually not that kind of person who tells people my secrets. But when you put a beat and a melody behind it, it somehow seems a lot easier to let it out. I really don’t know why.

MYP Magazine:
You’ve just released your new EP, “Does it Make You Feel Good.” In an interview with Dork magazine, you said that if your first EP, “Play Me Something Nice,” felt more hopeful, the second one would be the “end game.” What exactly did you mean by that?

Joesef:
That statement is a bit nostalgic. I feel like I was a young boy in the first EP, it was all about my first relationship that eventually broke. It went so bad and was so frustrating and poisonous, it left both of us with pure anger. My hope was that, in the future, we would be able to sort things out. The second EP is written from a more grown perspective. I feel I know myself a bit better and I try to make sure that something like this never happens again… By the way, we’re together again, but just fuckin’ (smiles).

»When you’re growing up in the East End of Glasgow, you’re catching up on so much shit at a young age that you think this is normal.«

MYP Magazine:
You’re such a young person, but your music sounds like you’ve already lived a very long life and you’ve seen the entire world, carrying all its pain on your tongue. Have you ever wondered if you had lived a life before your current one?

Joesef:
I know that people used to say that I’m an old soul. But when you’re growing up in the East End of Glasgow, you’re catching up on so much shit at a young age that you think this is normal.

MYP Magazine:
Let’s stick with the present. At the moment, Joe Biden is campaigning from his basement, the Fridays for Future kids are trying to change the world from their childhood bedrooms, and you’re writing and producing your entire music more or less from your bed. Would you say your example is part of a new normal?

Joesef:
I am very lucky that I was always able to make music in my bedroom. This room is my office, that’s where I work. But I think it’s more of a funny accident than part of the so-called new normal in these times.

»You make less compromises when you’re by yourself.«

MYP Magazine:
Are you a loner when it comes to work matters?

Joesef:
I would say yes. You take more risks and make less compromises when you’re by yourself. You can do whatever you want, and I have to confess that I’m a control freak. But I think I’m now more open to cooperating than I was before.

MYP Magazine:
You’ve released two EPs now. Are you going to work on an album some day? Or do you feel that’s a relic from the old music world?

Joesef:
I’m such an album boy, I love albums! When I think of the music that has come to me all my life, it has always been albums. I feel like I caught my whole life in vinyl. I’m quite traditional in that sense, it’s such an emotional thing. So, I am definitely going to work on my own.

»I hope people can escape a little bit through my music when they get set back.«

MYP Magazine:
Speaking of emotions: What feelings could your new EP evoke in its listeners? What do you wish for?

Joesef:
I hope people can escape a little bit through my music when they get set back, that’s my goal.

MYP Magazine:
When you played your first gig ever at King Tut’s last year, it was sold out before you even released a single track. Does such an experience give you hope for the future, especially in such strange times like we’re facing right now?

Joesef:
I always have hope for the future. This shit isn’t gonna last forever. The last gig I played was in the Oslo club in London. It was a perfect show, the crowd was acting like crazy, they were singing every word, everybody was buzzing. I think I will get back to that again—we will get back to that again. Things will get back to normal.


Manuel Puhl

Photo series — Manuel Puhl

Where Strangers Meet

In July 2019, photographer Manuel Puhl traveled through Japan. He was particularly fascinated by the capital Tokyo—mainly because of the anonymity with which it envelops its residents. A film-like night stroll through one of the world's largest cities.

29. Oktober 2020 — MYP N° 30 »Community« — Photography & text: Manuel Puhl

I love the bizarre feeling of living in a city where you don’t even know your neighbor, especially at night when everything seems to melt into a kaleidoscope of near and far-away lights—a place where strangers meet.

Anonymously we grow on ourselves, solely defined by our ups and downs. Living life. Knowing there is more to come. Or hoping, at least.

I’ve always expected to find someone, but I’ve never expected to find you.

Happy me.


Beranger

Interview — Beranger

With Great Passion Comes Great Drama

Awakening power, dark desire, chaotic liberation—the topics of two-man band Beranger are as thrilling as their sound. Yet unknown by now, meet two hopefully soon-to-be music giants in an intimate interview.

25. Oktober 2020 — MYP N° 30 »Community« — Interview: Katharina Weiß, Photography: Frederike van der Straeten

We meet a lot of artists, but this label is one we rarely give out to uprising musicians: “Beranger,” consisting of Beranger Gras, a classical pianist from France, and Todd James, a grunge drummer from Australia, seem to have the potential to conquer the world’s biggest stages.

The two guys met as buskers in the streets of Berlin, and even though they are still at the beginning of their career, when it comes to record sales or social media followers, they are already royalty among the fans of Mauerpark music—a popular open stage, beloved by Berliners and visitors, which draws thousands of people to its free live shows every year.

Trust us: Check out some of their music. And if you like it, continue to find out more about the artists‘ vision in the following interview.

»We have one goal in common: taking people to another world.«

Katharina Weiß:
Many interview questions start with asking the showbusiness newcomers where they come from. So, I’m asking you: Where do you want to go?

Todd James:
Do we both have the same vision?

Beranger Gras:
Ultimately, I think Todd and I have the same idea: getting further with the music, playing for more people, having an awesome life and awesome experiences. But more than me, Todd is driven by intimate human connections and one-on-one adventures, whereas I am fascinated by huge crowds and by getting large amounts of people to chant together.

Todd James:
But we have one goal in common: taking people to another world. I am fascinated by shows like “Cirque du Soleil,” where you enter completely different spaces and you can really escape reality. If we have the chance, both of us would like to create a similar vibe.

Beranger Gras:
I would say I also draw a significant amount of inspiration from historic imagery like that of the French Revolution. A very bloody process but also something resulting in mankind ultimately standing up for itself in some way. I kind of want to mirror this feeling of liberation and freedom (albeit without the bloody connotation) by creating epic anthems that inspire people to stand up and make the most of their lives. Not walking the path the most have traveled. I find the whole revolution imagery has so much character on a stage, it can be represented by a guillotine spraying flowers into the audience, instead of the blood of the beheaded. It’s like turning something very dark into a positive uplifting feeling.

»I like it when he doesn’t realize what he is singing.«

Katharina Weiß:
There is a huge tension in your songs. Both the melody and the lyrics tell abstract tales of almost Shakespearean magnitude: awaking power, lonely war, dark desire, chaotic liberation—are these sets of feeling taken from your life experience?

Beranger Gras:
In my early teens, due to my father’s job, we moved from California where we lived back to Bordeaux in France. There I studied English-language literature. That’s the time when I started to sing, so I felt at home in the English language and with authors like Shakespeare, Toni Morrisson, Joseph Conrad, from the beginning on. I also loved cinematic atmospheres and this love for the dramatic reflected my personal struggle with the established world of the classical conservatory I was getting my education from. I started to play the piano very hard very rhythmically, and my style rapidly changed to a point where it became an outlet for all the hardships I felt with regard to the classical studies I was supposed to do.

Todd James:
He is responsible for the lyrics. But I like it when he doesn’t realize what he is singing. Let me explain: A lot of our songs are written from improvising, so sometimes the lyrics come to him without him thinking about it. But often it makes a lot of sense in the context of what he’s going through at the time. Sometimes these lines are brutally honest, which I really value.

»A lot of his best songs come from periods where he is going through something really bad.«

Katharina Weiß:
Along with the energy the two of you generate when playing live, there is also a touch of violence or physical roughness. There are not many songs that are clearly identifiable as love songs. And the lyrical, romantic you is often spoken to with lines like: “Is it something that I said I’d do / Another bullet in my head for you.” or “A prisoner, a prisoner / Right inside her head / Wanting her, loving her / Stuck inside her bed.” Why is this kind of love so fruitful for your artistic inspiration?

Beranger Gras:
A lot of my non-artsy friends share an underlying core belief in a Disneyworld concept of finding the perfect life partner who will fulfill all your needs and have the life you always wanted with you. Growing up I learned that this myth is just one concept amongst many others and there are numerous alternative paths. However, due to the movies I watched and the way I was brought up, I feel this fantasy is still very much ingrained in me. A part of this is the notion: With great passion comes great drama.

Todd James:
In my opinion, a lot of his best songs come from periods where he is going through something really bad.

Beranger Gras:
Or something really good. It changes.

»From a priest to a topless drummer in seconds—I love it.«

Katharina Weiß:
The motives of your sound are also reflected in your style. A very impressive combination was the German “Talent des Monats/Musikdurstig” show where Beranger was wearing a red and gold uniform jacket, while Todd presented a dark shirt with a clerical collar. How are these outfits developing?

Todd James:
He was always into flamboyant jackets and uniforms. I am happy with a black shirt. But sometimes, like with the clerical collar, I mention something as a joke. And then he pushes me to do it.

Beranger Gras:
Then midway through the show, he gets topless and you can read a tattooed “Fuck,” and a smiley face on his chest. From a priest to a topless drummer in seconds—I love it.

»Our personalities are similar to our instruments: I need to bring him down to earth. And he needs to bring me further up.«

Katharina Weiß:
Prejudices say that singers are often prone to vanity and in need of constant attention, while ground-fixed instruments like the drums draw more pensive and temperate artists to them. What do you think about this perspective?

Beranger Gras (throws his hair theatrically behind his shoulder):
Totally false, I don’t need attention.

Todd James:
Some people call Beranger a diva.

Katharina Weiß:
Who is “some?”

Both (laughing):
All of them.

Todd James:
Jokes aside, our personalities are similar to our instruments: I need to bring him down to earth. And he needs to bring me further up.

Beranger Gras:
Todd dives into music more from an atmospheric approach. I am more into making powerful statements and concrete concepts. We come together through a common craving for live music and the spontaneous connections we form between us and the audience. At least from the feeling we get from the audience, this seems to be quite unique.

Todd James:
I discovered him playing on the streets of Berlin under the name of Beranger. For quite some time I did not know that this was his first name, and I liked the sound. When he asked me later after we had formed the duo, “What would you change our name to?”, I was fine with staying with Beranger. I don’t need to be the center of attention anyway. I like to see myself as a joke. If I have to wear silly outfits and make myself stupid tattoos, I remind myself to not take life too seriously. We both have serious Yin and Yang vibes in common, and so far, the balance seems to work this way.

Beranger Gras:
Also, in private situations: He needs a lot of time for himself and I am more of a social bird. We complete each other in interesting ways.

»We learned that conflicts have to be normalized.«

Katharina Weiß:
Being in a band with just two people forms a special bond because you can’t turn to someone else. How have you learned to live with each other’s flaws?

Todd James (laughing):
After living together during the lockdown, I honestly don’t know.

Beranger Gras:
We have to accept our flaws not just as close friends, but also as creative partners. We are both in this together. And, of course, we often differ. Every band has artistic or personal conflicts like that. But you still always know that the other person has your back, it doesn’t matter if there is a conflict. We learned that conflicts have to be normalized. So, I think on top of it all, the solution is communication. Being able to say it in such a way that the other one does not hold a grudge against you for it. And knowing speaking your mind honestly is always going to be accepted and respected within the band.

Todd James:
We are often each other’s therapists. I see him in a certain phase and tell him: “Ah, it’s that issue, I’ve been there.” Due to the fact that we are mostly each other’s opposites, it is rare that neither of us is able to uplift the other.

»This is a life I want: playing the drums with people dancing outside in the sun.«

Katharina Weiß:
What childhood memory that is connected to music does make you nostalgic?

Beranger Gras:
I feel nostalgic about everything that’s in the past. I romanticize it a lot, even though I know it is most likely a deceitful practice or it is to no avail. Same with a lot of my past relationships. I also idealize things very easily.

Todd James:
A nostalgic time for me was when I was first inspired to play street music. I was a young child on holiday with my parents in Darwin Australia. It was an outdoor market and there were two street musicians creating a rave-like atmosphere. The street band was a duo: a drummer and a didgeridoo player. The music was very intense, like fast techno. As I was an aspiring drummer, I couldn’t think of anything better than this. I just thought that this is a life I want: playing the drums with people dancing outside in the sun.

Beranger Gras:
These days I’m getting nostalgic about us playing in Mauerpark or in the streets of Brighton. Honestly, I really become nostalgic about everything. When I was just playing the piano and singing back then, it took a longer time to gather a nice crowd. When I met Todd, the crowds immediately got bigger because the expression of the music just got stronger and more extreme. It kind of felt like stepping on the gas pedal for the first time.

»People fall in love with an idea of you.«

Katharina Weiß:
How did meeting new people change with your rising popularity in the Berlin scene?

Todd James:
A lot of these superficial bonds that you formed with people after they saw you playing in front of a cheering crowd are not real. They fall in love with an idea of you. They think they know who you are—and then they make out with you… (laughing). A lot of people actually think Beranger is a really down-to-earth hippie dude. “He is so humble and connected to the environment,” that was a sentence I once heard. I asked the person: “Who are you talking about, have you ever met Beranger?” The answer was: “No, but I can just tell.” I love to observe these dynamics.

Beranger Gras:
People who see Todd playing naked—looking really cool with his tats on stage—naturally expect him to be this extrovert and a blatant party monger. Which he’s really the opposite, in fact. People see both of us differently.

»A lot of modern music sucks because they are making it for other people.«

Katharina Weiß:
Your entire tour got canceled and, like many musicians right now, you two also might struggle with the question of how to depict the future for the business in the pandemic. How have you personally evolved during these scary months?

Beranger Gras:
I learned that, even if you love what you do, you have to have other things in order to stay grounded. Being a musician is the biggest part of my identity. But there is more to it, even though sometimes I need a reminder for that.

Todd James:
Without being able to go out and play live, a lot of musicians have to go back to simply making music for their own pleasure. I actually hope that, after the lockdown, we will have a lot of new and unique music that resonates with people—because it comes directly from the artists’ inner desire to create. A lot of modern music sucks because they are making it for other people. But if you keep on developing your unique style, you might produce something really awesome.


Josephine Dishoni & Samuel M. Benke

Gespräch — Josephine Dishoni & Samuel M. Benke

Schwarz und Schwul

Josi ist Schwarz, Samuel ist schwul. Seit acht Jahren sind sie befreundet. In einem Gespräch denken sie zurück an die Jahre ihrer Freundschaft. Daran, welche Bedeutung ihre jeweilige Zugehörigkeit zu Minderheiten früher hatte, heute hat. Sie merken, wie sie sich mit der zunehmenden Politisierung ihrer Generation selbst politisiert haben.

18. Oktober 2020 — MYP N° 30 »Gemeinschaft« — Illustrationen: Josephine Dishoni, Text: Samuel Maxim Benke

Alles beginnt mit einem Telefonat. Samuel ruft Josephine an:

Samuel:
Du Josi, ich habe in den letzten Wochen sehr viel nachgedacht. Über unsere Schulzeit, über uns, was wir damals so für krasse Sachen gemacht haben (Stripdart in der Eckkneipe), und ich musste daran denken, dass ich früher Dinge zu Dir gesagt habe, die ich heute furchtbar finde. Dinge, für die ich mich heute schäme. Jetzt, wo ich älter bin, mehr weiß, mehr verstehe. Also: Es tut mir leid. Und ich liebe Dich.

Es gibt eine längere Pause am anderen Ende des Hörers. Josi überlegt. Erst will sie so etwas sagen wie „schon gut“, entscheidet sich dann aber dagegen. Stattdessen schlägt sie ein Treffen in ihrer gemeinsamen Schöneberger Stammkneipe vor, um bei ein paar Gläsern Weißwein über die ganze Sache zu sprechen.

Café M, Mittwoch 19 Uhr

Glas Eins – Haare

Nachdem der Wein am Tisch ist und Josi die erste Zigarette gedreht hat, beginnt ihr Gespräch.

Josi:
Ich fand das krass, unser Telefonat. Das hat bei mir total viel in Gang gesetzt. Ich hab‘ mich ja in meiner Abirede selbst so genannt. Ein verbranntes Toastbrot. Außen Schwarz, innen Weiß[1]. Wenn ich jetzt daran denke, wird mir total schlecht. Natürlich möchte ich nicht, dass mich irgendwer jemals wieder so nennt. Heute würde ich sagen, das ist rassistisch, ganz klar. Damals war das einfach Teil unserer Witze. Ich würde Dich ja auch nicht mehr den haarigen Miquel nennen.

Samuel muss lachen:
Das ist nichts, was mich beleidigt hat. Obwohl ich über meine Körperbehaarung immer viel nachgedacht habe. Ich erinnere mich an die Umkleide früher. Daran, dass ich der Erste war mit Achselhaaren. Also wurde ich nicht nur als femininer Typ gesehen, sondern war dazu noch ganz haarig. Ganz klar ein Grund mehr, mich zu mobben. Ich erinnere mich an die Veet-Enthaarungscreme, die ich von der Freundin meines Vaters gestohlen habe, und wie das tagelang gebrannt hat.

Josi:
Ich hab‘ mir manchmal die Armhaare rasiert. Weil ich mehr hatte als die ganzen White-Girls in meiner Klasse. Und meine Haare sind ja bis heute ein Thema. Ich habe mir zum Beispiel immer Sauerkraut-Locken gewünscht, diese nur leicht welligen. Und jetzt hab‘ ich Braids[2] und auf eine Art ist das, wie endlich glatte Haare zu haben. Ich kann sie offen tragen ohne Probleme, muss mich nicht jeden Tag mit ihnen beschäftigen. Und andererseits sind sie auch ein Statement. Ich werde jetzt viel mehr als Schwarz gelesen, gehöre äußerlich irgendwie mehr zu einer Community. Idealerweise machen das Weiße Frauen ja nicht.

Samuel:
Ich kann mich noch an Mareike erinnern und wie sie dann auf einmal Cornrows[3] hatte und ich fand das so fucked up. Die wusste nichts über die Geschichte von Schwarzem Haar.

Josi:
Die Colonizer[4] haben das ja nicht anders erlaubt. Abrasiert oder eng geflochten. Offene Schwarze Haare galten als unsauber. Noch heute wird es als unprofessionell wahrgenommen, wenn ich meine Haare offen trage. Mareike hat so ein Problem nicht, wird es nie haben. Damit wird man dann konfrontiert. Für mich sind Haare aber wie gesagt auch ein wichtiger Community-Aspekt. Wenn ich mit meiner Tante im Haarsalon sitze, wir uns Black Lives Matter-Dokus auf Netflix anschauen und sie meine Haare feiert, das empowert natürlich. Aber jetzt noch mal zurück zu Deiner Körperbehaarung, ich finde das ja sehr sexy. Beschäftigt Dich das heute noch?

Glas Zwei – Körper

Samuel:
Je älter ich werde, desto mehr mag ich meinen Körper und seine Haare. Aber über viele Jahre hinweg habe ich mich überhaupt nicht begehrenswert gefühlt. Das lag sicherlich am Mobbing. Aber auch an mir selbst, an meiner Vorstellung davon, wie so ein perfekter Körper auszusehen hatte. Das Bild kam aus Werbung und Pornos, in denen ich Körper wie meinen nicht wiedergefunden habe. Keine schmalen haarigen Typen mit eingedellter Brust. Stattdessen findet man in Schwulenpornos zum Beispiel Kategorien wie Bears, Twinks, Hunks und Otter.

Josi:
Also mit den Kategorien kann ich ehrlich gesagt nichts anfangen. Das musst Du erklären.

Samuel:
Bears sind breit und haarig, eigentlich auch eine Bewegung gegen dieses glatte, schwule, breite Schönheitsideal, sprich die Hunks. Twinks dagegen sind jung und zart, die Otters sind ein bisschen wie Twinks, aber mit Haaren. Allein wenn ich das schon so erkläre, kommt mir das wahnsinnig absurd vor. Da versucht man sein Leben lang, Kategorien von außen zu umgehen, und kriegt dann von seiner eigenen Community direkt neue. Das ist für mich sehr frustrierend. Auch die oft gestellte Frage: Bist du ein Top oder ein Bottom, also penetrierst du beim Sex oder wirst du penetriert, führt zu bestimmten Labels. Davon werden nämlich oft direkt Verhaltensweisen abgeleitet, also dominant oder eher zurückhaltend. Außerdem ist alleine in der Bezeichnung schon etwas Hierarchisches. Also Top gleich oben und Bottom gleich unten. Das stört mich sehr.

Josi:
Das ist ja leider bei Frauen auch so. Entschuldigung, dass ich so aufgebaut bin, aber nur weil ich einen Penis oder sonst was in mir aufnehmen kann, heißt das nicht, das ich mich unterwürfig verhalten muss. Oder dass ich mich glatt rasieren muss, um weiblicher zu sein.

Samuel:
Das, was man dieser Haltung entgegensetzen kann, ist meiner Meinung nach einfach krasse Selbstliebe. Und zwar dem ganzen Selbst gegenüber. Und ich bin froh, dass ich das mittlerweile fast immer hinbekomme. Denn in den queeren Communitys gibt es neben und vielleicht auch wegen dieser Labels ein Haufen Bodyshaming[5]. Statistisch gesehen sind sehr viel mehr schwule Männer von Essstörungen betroffen als heterosexuelle Männer.

Josi:
Das wusste ich nicht. Aber interessant mit den Pornos. Ich konnte mit Pornos ja noch nie was anfangen. Weil ich das Frauenbild im Mainstream Porno schrecklich finde. Und wenn dann noch deine Hautfarbe als Pornokategorie auftaucht, ist das einfach sehr verletzend und turnt überhaupt nicht an. Außerdem manifestieren sich da ja gefährliche Stereotype. Da gibt es das Weiße, süße Schulmädchen und die aggressive Schwarze Frau. Oder sie ist die exotische, verbotene Frucht. Oder alle Schwarzen Männer haben dann auf einmal dicke Penisse. Das ist auch rassistisch und schließt einen aus einem Verständnis aus von dem, was normal ist. Schlimm ist es für mich besonders, wenn mir dieses Anderssein von außen aufgedrückt wird. Am deutlichsten mit der Frage: Woher kommst du?

Glas Drei – Dazugehören

Josi:
Weil es ja so ist, dass immer, wenn mich jemand fragt, woher ich komme, diese Person eine ganz klare Vorstellung davon hat, wie eine Deutsche auszusehen hat. Und ich passe da nicht ins Bild. Ich sag‘ dann oft: Halle an der Saale. Aber damit sind die meisten nicht zufrieden. Das passiert mir locker drei, vier Mal die Woche. Es wird dann auch gerne nach meinen Haaren oder meinen Eltern gefragt. Das ist doch aber so übergriffig, ich frag‘ die ja auch nicht direkt nach ihren Eltern. Besonders in Gruppen, in denen mich viele noch nicht kennen, passiert mir das ständig. Und das ist immer wieder anstrengend.

Samuel:
Hätte echt nicht gedacht, dass das so an der Tagesordnung ist. Was für eine Scheiße. Kommt dann eigentlich die Lust, „Fuck you!“ zu sagen und zu gehen? Besonders dann, wenn niemand was zu Deiner Verteidigung sagt?

Josi:
Früher habe ich das gar nicht als Rassismus wahrgenommen. Ich dachte immer: Ist ja klar, ich seh‘ ja auch anders aus. Heute denke ich: Warum soll ich mich als die andere sehen? In bestimmten Situationen sage ich mittlerweile was. Aber die Leute fühlen sich fast immer vor den Kopf gestoßen. Die denken, ich komme mit dem Rassismus-Stempel, und wollen nicht belehrt werden oder packen sich in die Opferrolle.

Samuel:
Dann immer noch dieses Fragile der Leute aushalten zu müssen, ätzend. Bei mir ist es auch so, dass ich mich erst seit ein paar Jahren gegen Diskriminierung wehre. Weil ich Angst vor der Reaktion hatte und noch immer oft habe. Mir hat neulich ein Freund mit roten Haaren gesagt, das er ja verstehen könne, wie es ist als schwuler Typ. Da bin ich dann doch mal wütend geworden. Und nachdem ich ihm dann erklärt habe, dass er ja nicht das Problem hat, nicht in gewisse Länder reisen zu können, weil ihm dort der Tod droht, oder dass er auf der Straße beim Händchenhalten mit seiner Freundin nicht Angst haben muss, angespuckt zu werden, oder Schlimmeres, hat er das auch verstanden. Aber selbst diese Art der Konfrontation kostet Kraft. Auch weil man dann immer in die Verteidigungshaltung kommt. Und die meisten, die Scheiße labern, sind ja keine Freunde.

Josi:
Klar. Und für mich gibt es dann das Klischee der Angry Black Woman, wenn man mal wütend wird, weil schon wieder jemand gefragt hat, wo man herkommt oder warum meine Haare so sind, wie sie eben sind.

Während Josi an die Bar geht und noch zwei Gläser bestellt, muss Samuel daran denken, dass letzte Woche ein Mann in einem Café ihn und seinen Freund angesprochen hat: „Ihr seid so krass süß zusammen, das wollte ich euch einfach mal sagen.“ Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ihn jemand süß nennt. Ihn, mit tiefer Stimme und Haaren vom Scheitel bis zum Arsch. Weil Labels es einer Mehrheitsgesellschaft einfacher machen, Minderheiten klein zu halten. Die ist ja sowieso immer sauer. Der ist aber süß.

Josi kommt mit zwei neuen Gläsern zurück und lächelt.

Josi:
Ich find‘ das richtig gut, dass wir das machen. Hab‘ das Gefühl, da hat sich einiges angestaut. Jetzt hab‘ ich noch eine Frage für Dich. Ich habe vor ein paar Tagen einen Podcast zum Christopher Street Day angehört. Also in Bezug darauf, dass da sehr wenige Schwarze Stimmen zu hören sind und im Leitungsteam auch alle Weiß sind. Wollte Dich mal fragen, wie du zu dieser Veranstaltung stehst.

Glas Vier – Selling diversity

Samuel:
Ich muss sagen, früher war der Christopher Street Day für mich unheimlich wichtig. Um zu sehen: Es gibt so viele, die sind wie ich. Die leben ihr Leben, werden älter, lieben sich, sind glücklich, ganz normal. Das hat mir viel gegeben. Und ich verstehe auch, wenn das Leuten noch heute was gibt. Aber je mehr ich mich mit der Geschichte dieses Tages auseinandersetze, finde ich den Umzug so, wie er heute ist, nicht ok. Im Jahr 1969 gab es einen Aufstand im Stonewall Inn, einer Kneipe für queere, also LGBTQIA+ Personen in New York. Dort hat die Polizei regelmäßig Leute verhaftet und verprügelt, einfach so. Und daraus sind dann tagelange Proteste entstanden, bei denen sich viele Transfrauen, die Schwarz oder Latino waren, sehr engagiert haben. Marsha P. Johnson zum Beispiel. Ein Jahr später gab es die erste Parade auf der Christopher Street. Und das war wieder ein Protest, ein Aufstand.

Fünfzig Jahre später ist das Ganze eine wilde Party mit Weißen Typen überall. Und Banken und Klamottenläden kleben sich Regenbogenflaggen auf den Wagen, machen aber sonst nichts für die Gleichstellung queerer Menschen. Das kommt mit einem richtig faden Beigeschmack. Vor allem, wenn in den USA allein schon in diesem Jahr zwanzig Schwarze Transfrauen ermordet wurden. Ich meine, da muss man protestieren, nicht Party machen. Aber vor allem Weiße, schwule Männer denken oft: Ich bin ja schon fast in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dann jetzt bloß nicht zu sehr auffallen.

Josi:
Dabei wäre es so wichtig, dass die gerade jetzt ihren Arsch auf die ganzen Demos bewegen. Warum sind zum Beispiel nicht noch mehr Leute auf den Black Lives Matter-Demos besonders hier in Deutschland? So ein schwarzes Viereck auf Instagram reicht halt bei Weitem nicht. Das ist kein Aktivismus. Das sind faule Ausreden. Man sollte meinen, dass man – wenn man weiß, wie es ist, ausgeschlossen zu werden – sich auch für andere einsetzt, denen es genauso geht. Dass man dafür eine besondere Sensibilität hat.

Samuel:
Bei mir haben diese ganzen Proteste auf jeden Fall noch einmal eine Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner gesellschaftlichen Rolle losgetreten: einerseits mit meinem Weißsein und dem Privileg und der Verantwortung, die damit einhergehen. Andererseits aber natürlich auch mit meinem Schwulsein. Zum Beispiel die Entwicklungen in Osteuropa, Polen und Ungarn, die LGBTQ-freien Zonen. Dagegen muss man zusammen protestieren, auch wenn es in Deutschland vielleicht besser ist. Da gibt es eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die vor mir für die Freiheiten, die ich heute habe, gekämpft haben, sogar gestorben sind. Ich schreibe jetzt auch mehr über queere Themen.

Josi:
Und ich schaue mich als Illustratorin um und denke: Krass, da gibt es so gut wie niemanden in Deutschland, der Schwarz ist. Mittlerweile empfinde ich so viel Stolz gegenüber meiner Blackness und auch meiner Arbeit und den vielen Einflüssen, die sie trägt. Wie etwa Basquiat, der sich schon vor siebzig Jahren gegen Polizeigewalt eingesetzt und Schwarze Legenden in den Mittelpunkt gestellt hat. Ich kann es gar nicht fassen, dass es niemanden in Deutschland gibt, der eine Vorbildfunktion für mich hat. Es ist so schwierig, in Deutschland als Schwarze Person eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Weil die meisten Entscheidungsträger ja Weiß sind und ihre Augen vor diesem Problem verschließen. Und die meisten Magazine und Werbungen werden ebenso größtenteils Weiß bespielt. Das sieht man ja auch bei MYP. Aber mal gucken, so etwas wie dieser Artikel ist ja ein Schritt in die richtige Richtung. Hoffen wir mal, dass es so weitergeht.

Darauf gleich noch eine Runde. Prost.

[1] Mit der Großschreibung des Wortes Schwarz wird explizit auf Schwarzsein als soziales Konstrukt, nicht als Hautfarbe hingewiesen. Das Gleiche gilt für den Begriff Weiß.

[2] Braids: eng geflochtene Zöpfe. Kunstvolle Flechttechnik, ursprünglich aus Namibia.

[3] Cornrows: Flechtfrisur, ursprünglich Fulani-Zöpfe, als Kommunikationsmittel verwendet. Aus der Sahelzone Afrikas stammend.

[4] Colonizer: auf Deutsch Kolonisator. Der Verweis auf Weiße Europäer, die nach Mittelamerika geflohen sind, die Ureinwohner umgebracht und Schwarze Menschen aus Afrika gestohlen haben, um sie dann dort für sich arbeiten zu lassen.

[5] Bodyshaming: die Diskriminierung bzw. Beleidigung von Menschen aufgrund ihres Körpers.

Illustrationen: Josephine Dishoni

@josephine_dishoni
josephinedishoni.com

Text: Samuel Maxim Benke

@samuelmaxim


Christian Heidemann

Fotoserie — Christian Heidemann

Soul Pauli

Mit seinem Fotoprojekt »Soul Pauli« hebt Christian Heidemann das berühmt-berüchtigte Hamburger Stadtviertel auf eine quietschbunte Bühne. Dabei schaut er mit kleinen Geschichten zu den einzelnen Gebäuden auch hinter die teilweise bröckelnden Fassaden. Eine fotografische Wanderung durch das Pastell gewordene Herz Hamburgs, die man sich bis Ende Oktober auch direkt auf dem Kiez anschauen kann: im Sankt Pauli Museum in der Nähe des Beatles-Platzes.

14. Oktober 2020 — MYP N° 30 »Gemeinschaft« — Fotografien & Text: Christian Heidemann

Prinzenbar

Seit über 25 Jahren ein Juwel in der Clubszene: von außen schön, von innen noch schöner. Das Barock lässt hier mit Stuck, Kronleuchtern und Putten grüßen.

Jedoch leuchten hier nicht nur Kronleuchter: Wenn man sich mit der Geschichte der Prinzenbar bzw. des Docks (beide von „M.T.M. more than music!“ betrieben) befasst, stößt man auf den Namen „Knopfs Lichtspielhaus“. Ab 1900 wurden hier lebende Laufbilder gezeigt. Auch wenn es das Lichtspielhaus nicht mehr gibt, wird in der Prinzenbar und im Docks weiterhin viel mit Licht gearbeitet und der Ursprung ins Jetzt geholt. Durch Lichtinstallationen, Projection Mappings und andere Effekte werden Besucher*innen in eine andere Welt entführt – oft begleitet von Chapeau Clubs mit ihrer Mischung aus Performance, Theater und Immersion. More than music!

Bis zu 150 Besucher lauschen und tanzen hier zu DJ Sets oder Bands wie HIM, Maximo Park, James Blunt oder den H-Blockx. Oder zu den kleinen, feinen Bands, die noch unter dem Titel „Geheimtipp“ laufen.

Aber nicht jeder lauscht gerne. In den letzten Jahren kommt es von einigen Neu-St.-Paulianern immer wieder zu Beschwerden bei der Polizei über Ruhestörungen von Musikclubs. Auch wenn auf St. Pauli Musikkultur zur DNA gehört, gibt es einige Menschen, die in die Nähe eines Musikclubs ziehen, sich über laute Musik wundern und erwarten, dass sich Clubs – mit teilweise jahrzehntelanger Tradition – an ein paar Neubewohner anpassen.

Sollte es mal zu laut werden, hilft eigentlich immer, bevor nach der lieben Obrigkeit gerufen wird: miteinander schnacken. Oder von Beginn an eine bassärmere Ecke suchen. Man glaubt es kaum, aber auch auf St. Pauli gibt es sie. Sogar häufiger, als man denkt.

Zur Ritze

Oben feiern, unten boxen, so sieht das klassische Programm in der Ritze aus.

Das Lokal ist eine Kneipe von Hans-Joachim „Hanne“ Kleine, die 1974 mit Boxring im Keller eröffnet wurde. Ähnlich bekannt wie der Boxkeller, aber dafür schon auf den ersten Blick zu sehen: die beiden gespreizten Beine auf der Eingangstür. Gemalt wurden sie von Erwin Ross – seine Frau stand ihm dafür höchstpersönlich Modell.

Oben wurde also gefeiert, manchmal auch geschrieben, und unten geboxt. Udo Lindeberg textete hier einige seiner Lieder, während unten etwa Dariusz Michalczewski, Henry Maske, Vitali und Wladimir Klitschko, Ben Becker und die Luden St. Paulis geboxt haben. Und auch noch heute wird im Boxkeller trainiert.

Trauriger Höhepunkt in der Geschichte jenes Boxkellers: 2006 erhängte sich hier Stefan Hentschel.

Es flogen jedoch nicht nur Fäuste, 1981 flogen auch Kugeln. Bei der Schießerei wurde der milieubekannte Lude „Chinesen-Fritz“ erschossen.

Inhaber Hanne Kleine verstarb 2011. Erst wurde das Lokal von seiner Witwe Kirsten geführt, seit 2016 von Carsten Marek.

Die Ritze hat so viele Geschichte, darüber können ganze Bücher geschrieben werden. Jens Meyer-Odewald beispielsweise hat dies mit „Zur Ritze: Hamburger Kiezgeschichte“ gemacht.

6er Block

24 Stunden. Länger sollte kein Haus in Hamburg besetzt sein. Das war die knallharte Regel des Innensenators Alfons Pawelczyk, um im Jahr 1981 eine Besetzungswelle wie im damaligen West-Berlin zu vermeiden.

Das wussten jedoch auch die Bewohner*innen der zwölf Häuser aus der Gründerzeit in der Hafen- und Bernhard-Nocht-Straße und besetzten sie ab Herbst 1981 schleichend. Nicht auf einen Schlag, sondern Wohnung für Wohnung. Ganz leise und ohne großes Tamtam.

Hinzu kamen Studenten und Autonome. Kurzum: Menschen, die eine Bleibe suchten.

Die SAGA (kommunales Hamburger Wohnungsunternehmen) sah das natürlich nicht gerne, denn eigentlich sollten die Häuser abgerissen werden und Platz für Neubauten mit bis zu 22 Geschossen machen. Denn wer die Ecke kennt, weiß: Es ist schon ein unglaubliches Filetgrundstück direkt an der Elbe.

Es entstand ein jahrelanges Tauziehen, bei dem die Besetzer*innen die Selbstverwaltung der Gebäude forderten. Über 30 Mal sollen die Häuser gestürmt und wieder „instandbesetzt“ worden sein. Dieses juristische Tauziehen spielte den Besetzer*innen allerdings in die Karten, denn in der Zwischenzeit renovierten sie die Häuser und entkräfteten die Argumente der Unbewohnbarkeit. 1983 erhielten sie einen befristeten Nutzungsvertrag, die Spannungen hielten jedoch an und mündeten in teilweise gewalttätigen Ausschreitungen.

1986 eskalierte die Lage. 12.000 Menschen zogen durch Hamburg und solidarisierten sich mit der Hafenstraße. Es kam zu schweren Ausschreitungen mit vielen Verletzten.

Nachdem es auch 1987 nicht zu einer Einigung kam und mit der Räumung gedroht wurde, bereiteten sich die Bewohner*innen der Hafenstraße auf einen Straßenkampf vor, bauten Stahltüren ein, verbarrikadierten Fenster, sicherten die Dächer mit Stacheldraht, bauten meterhohe Barrikaden auf und der Piratensender „Radio Hafenstraße“ ging als Sprachrohr für die Hafenstraße auf Sendung – die Zeit der Barrikadentage brach an.

Die Hafenstraße war wochenlang gesperrt und eine friedliche Lösung schien nicht mehr möglich, als Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi einen ungewöhnlichen Weg wählte: Er verpfändete sein Amt und gab sein politisches Ehrenwort, für eine vertragliche Lösung zu sorgen, wenn die Straßensperren abgebaut würden.

Die Barrikaden fielen und die Räumung wurde abgewendet. Ende 1987 unterschrieben Stadt und Bewohner einen Pachtvertrag zur Nutzung der Häuser. Unterschrieben wurde mit „B. Setzer“.
Es gab weiterhin Reibereien, aber die großen Konflikte waren beigelegt. 1995 verkaufte die Stadt die Häuser an die dafür eigens von einem Teil der Bewohner*innen gegründete Genossenschaft „Alternativen am Elbufer“. Seitdem vermietet sie die Häuser an den „Waterkant e.V.“.

Ohne die Besetzung 1981 wäre von diesem alternativen Quartier nichts mehr übrig. „Widerstand lohnt sich“, sagt Claus Petersen. Er wohnt seit 1976 in der Hafenstraße.

Und heute? Petersen stellt er fest, dass gefühlt mehr Polizei um die Häuser der Hafenstraße „herumlungert“ als zur Zeit der Besetzung. Allerdings nicht mehr auf der Jagd nach Hausbesetzer*innen: Seit 2016 haben sie vermeintliche Dealer im Visier und verfolgen sie die Balduintreppe hoch und runter.

Polizeihubschrauber kreisen nur noch selten über diesem Teil des Viertels. Und wenn, dann meistens eher wegen eines der vielen Großevents auf St. Pauli.

Günter Zint begleitete die Zeit der Besetzung fotografisch hautnah. In seinem Buch „Wilde Zeiten“ führt er die Betrachter*innen zurück in diese Zeit. Und nicht nur in die Hafenstraße, sondern auch zurück ins Hamburg der 1960er bis tief in die 1980er Jahre.

Wer lieber liest: Die Geschichte der Hafenstraße ist so komplex – und dieser Text streift sie lediglich –, dass damit etliche Bücher gefüllt wurden, zum Beispiel „Hafenstrasse: Chronik und Analysen eines Konflikts“ von Niklaus Hablützel, Michael Herrmann, Hans–Joachim Lenger, Jan Philipp Reemtsma und Karl–Heinz Roth.

Pink Palace

Als „Palais d’Amour“ wurde es vom St.-Pauli-Grandseigneur Willi Bartels (1914-2007) gebaut und sollte die Huren von der Straße holen, da sie der Politik und einigen Bürgern der Hansestadt ein Dorn im Auge waren.

Der Name hat sich geändert und auch die Farbe. Nur der Kern des Geschäfts blieb in den 60 Liebes­Appartements seit der Eröffnung immer gleich.

Es werden jedoch nicht nur körperliche Gelüste befriedigt: Der Autor Navid Kermani mag ungewöhnliche Orte für seine Lesungen und las hier Auszüge aus seinem Roman „Ungläubiges Staunen“. Thema: das Christentum.

Zum Goldenen Handschuh

Ochsenschwanzsuppe, drei Unruhestifter und ein Frühlokal auf dem Hamburger Berg – das ist das Rezept, aus dem eine der bekanntesten Spelunken auf dem Kiez entstanden ist: In einem Frühlokal auf dem Hamburger Berg aß Herbert Nürnberg mit Vorliebe seine Ochsenschwanzsuppe und lernte das ältere Besitzer-Pärchen auf der anderen Seite des Tresens kennen.

Ab und an wurde das Lokal jedoch von drei Herrschaften besucht, die häufig auf Krawall gebürstet waren und diese unschöne Eigenschaft auch in dem Lokal auslebten. Das wiederum schmeckte Herbert Nürnberg nicht und der Boxer – der als Amateur zwischen 1937 und 1942 viermal Deutscher Meister und zweimal Europameister wurde – schickte die drei mit Hilfe handfester Argumente vor die Tür.

Aus dem Gast wurde ein Freund des Lokals und eines Tages sprach ihn die Besitzerin an: Wenn jemand das Frühlokal übernehmen solle, dann doch bitte Herbert.

Gesagt, getan. 1955 pachtete er das Frühlokal und benannte es nach dem Boxturnier „Golden Gloves“, das er damals in Chicago gewann. Auch wenn die Kneipe unter dem Namen „Zum Goldenen Handschuh“ bekannt ist, heißt sie eigentlich „Zum Goldenen Boxhandschuh“ und wird seit 1982 von Herberts Enkel Jörn betrieben.

In der Kneipe suchte sich Anfang der 70er Jahre der Serienmörder Fritz Honka seine Opfer aus, die er anschließend in seiner Wohnung in Ottensen erwürgte und zersägte. Als 1975 ein Brand in seinem Wohnhaus ausbrach, entdeckte ein Feuerwehrmann die Leichen.

Das Buch „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk und der auf dem Buch basierende Film von Fatih Akin erzählen die Geschichte von Fritz „Fiete“ Honka und geben zudem Einblick in die Kneipe.

Rosi’s Bar

Rosis Vater sagte: „Bring mir keinen Kellner oder Türsteher mit nach Hause!“. Das tat Rosi auch nicht. Sie brachte stattdessen einen englischen Musiker mit. Tony Sheridan McGinnity, ihren zukünftigen Mann, einen Singer-Songwriter und Gitarristen, der in Hamburg unter anderem mit seiner Band „The Jets“ und als Solo-Sänger spielte oder von einer Band, bestehend aus ein paar jungen Musikern aus Liverpool, begleitet wurde – den Beatles.

Gegründet von ihrem Vater, betrieb Rosi seit 1969 die Kneipe „Zu den drei Hufeisen“. Das konnten sich ihre englischen Musikerfreunde jedoch nie merken. Stattdessen liefen sie immer über den Kiez und fragten „Where can we find Rosi?“. So stand schnell der neue Name fest und das neue Wohnzimmer für zahlreiche Musiker und spontane Sessions war gefunden.

Noch heute betreibt Rosi die Bar. Man sieht es ihr mit ihrem frischen Anstrich kaum an, aber Rosi’s Bar ist eine der ältesten Bars auf dem Hamburger Berg – mit einer ganz besonderen Besitzerin.

Über der Tür hängen übrigens noch immer die drei Hufeisen.

Wunderbar

Eine der Besonderheiten auf St. Pauli: Jeder kann hier leben wie er möchte. Egal ob hetero, schwul oder transsexuell.

Corny Littmanns WunderBar in der Talstraße ist seit 1991 Hamburgs, wenn nicht sogar Deutschlands schwules Wohnzimmer– puffig, plüschig und mit Glitzer-Ambiente.
Jedoch nicht nur drinnen wird in der kleinsten Disko Hamburgs gefeiert. Die WunderBar hat viele Satelliten, die um sie herum kreisen. Zum Beispiel einen eigenen Wagen und ein eigenes Schiff auf dem CSD, der Pink Inc Partyreihe, und einem eigenen Stand auf dem Weihnachtsmarkt „Santa Pauli“.

Auch nichtschwule Menschen dürfen sich hier wohlfühlen.

Jolly Roger

Die Kneipe für St.-Pauli-Fans und andere nette Menschen.

2009 wurde die Kneipe am Rande des Schanzenfestes von Bereitschaftspolizisten erst mit Reizgas vollgenebelt und dann gestürmt. Angeblich, weil eine Flasche in Richtung der Beamten geworfen wurde und sich linke Randalierer in die Kneipe geflüchtet haben. Aber eigentlich war’s nur eine Geburtstagsfeier mit etwa hundert Gästen. Für viele St.-Pauli-Anhänger wurde die Stürmung der Kneipe zum Symbol für Polizeigewalt.

Minipudel

Der Golden Pudel Club ist abgebrannt und mit ihm der Ort, an dem das Park-Fiction-Archiv untergebracht war – glücklicherweise konnte es gerettet werden.

Der Minipudel, die Miniversion des Hauses, war ein Protestbau, der eine kommerzielle Verwertung des Pudel-Geländes verhindern sollte, da ein Verkauf des Grundstücks im Raum stand.

Kunsthistorisch bezog sich das kleine Haus auf die lange Tradition der Follies (ungewöhnliche und oft auffällige Zierbauten). Gerade in der Romantik waren die Follies oftmals aufgeladen mit politischen Anspielungen. Gleichzeitig bot er eine Plattform für die Neuplanung des Obergeschosses, in dem das Park-Fiction-Archiv untergebracht war. Zudem wurden im Minipudel Spielzeuge und Schachspielfiguren aufbewahrt, die Besucher des Parks nutzen konnten.

Die kommerzielle Verwertung des Grundstücks wurde verhindert und es wurde in eine Gemeinnützigkeit überführt. Der Golden Pudel Club ist wiederhergestellt, er konnte wieder öffnen und der Wiederaufbau ist mittlerweile abgeschlossen.

Der Minipudel hat seinen Einsatz erfolgreich beendet und seit April 2020 fühlt sich das Park-Fiction-Archiv wieder unter dem Sheddach des Golden Pudel Clubs wohl. Der Minipudel wurde abgebaut – oder besser gesagt: versetzt. Denn nun steht er an der Reeperbahn und wacht über die Umsetzung des von der Planbude ermittelten „St. Pauli Codes“.

Das Lächeln des Hauses: inspiriert von Stefan Marx
Throw Ups: SRF, Lolek

Angel Club

Untergebracht in einem 150 Jahre alten Hafenschuppen, gibt es hier Musik auf die Ohren und Kunst auf die Augen.

Der Angel Klub ist zudem eine Plattform von Künstlern für Künstler mit Atelier- und Ausstellungsflächen und einem kleinen Tonstudio.

Apropos Angeln: In Anlehnung an den Angelhaken gibt es im Angel Club Erlebnisse, die hängenbleiben – so wie die gute alte Hookline.

Silbersack

1949 von Erna und Friedrich Thomson gegründet, führte Erna nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1958 den Silbersack bis zu ihrem eigenen Ableben in 2012. Dann wurde das Lokal, das auf einem ehemaligen Trümmergrundstück nahe der Reeperbahn erbaut ist, geschlossen. Mehr als 1.300 Menschen setzten sich jedoch für den Erhalt des Silbersacks ein, letztlich wurde die Kneipen-Immobilie mit dazugehörigem Wohngebäude an die „Freunde des Silbersack GmbH & Co. KG“ verkauft und neu verpachtet: an Dominik, zu dem Zeitpunkt seit vier Jahren im Silbersack und bestens mit ihm vertraut.

Abgesehen davon, dass es in den Kneipen auf dem Kiez leckere Biere in die Hand gibt, sind sie ein wichtiger Knotenpunkt für das soziale Leben, wie unter anderem die Doku „Manche hatten Krokodile“ von Christian Hornung zeigt.

Der Film erzählt auch von den Sparclubs. Im Silbersack selbst gibt es ihn nicht mehr, im Utspan, dem Hong Kong Hotel oder der Kaffeepause sind sie jedoch noch zu finden: kleine Kästen, in denen Gäste Fächer haben, in die sie regelmäßig Geld einzahlen. Die Angestellten der Bar bringen es regelmäßig zur Bank und am Ende des Jahres gibt es das angesparte Geld wieder zurück. Nicht selten wird davon gefeiert oder es wird mit allen Sparclubmitgliedern ein Ausflug gemacht – denn es geht neben dem Sparen auch um das Gemeinschaftliche.

Kandie Shop

Alte Kassettenrekorder an der Wand; Kaffee, Frühstück und Kuchen in den Mund. Letzteres selbst gebacken und mit viel Liebe zum Detail. Drop Kandie, not Bombs.

Auf St. Pauli gibt es übrigens den Spruch: „Dreckig bleiben!“ Sei Dir treu, verbieg Dich nicht, mach Dich gerade, sei, wie Du bist, mit Ecken, Kanten und persönlicher Patina. Im Kandie Shop spürt man dies – wie in vielen anderen kleinen Bars, Kneipen und Geschäften auf St. Pauli auch.

Kiez Parking

Das Büro von Kiez Parking, einem Parkplatz in einer Seitenstraße der Reeperbahn, verziert mit einem alten Kunstwerk von Erwin Ross auf der Rückseite.

Erwin Ross (1926-2010) wurde auch der „Rubens der Reeperbahn“ genannt und war bekannt für seine erotischen Plakatmalereien. Erst malte er noch in der DDR Plakate und Portraits für Veranstaltungen der SED, der der Parteiführung jedoch irgendwann zu erotisch wurden.

1955 zog er nach Hamburg und prägte mit seinen Bildern das Erscheinungsbild der Reeperbahn. Ringo Starr bat Ross mal um einen „Beatles“-Schriftzug auf der Basstrommel. Zehn Mark sollte dieser kosten, bezahlt hat Ringo nie. „Let it be“ wird er sich gesagt haben, erinnerte sich Ross amüsiert.

Flammen & Co.: Ray de la Cruz

Schuh Messmer

Der Laden für Leute, die auf großem Fuß leben und ein Faible für High Heels bis zu Größe 46 haben. Und für alle anderen, die auf oberschenkellange Lack- und Lederstiefel, exotische Schuhen aus Krokodil- oder Pythonleder oder Schuhwerk mit Pailletten und Perlen stehen.

Plateauheels mit schwindelerregend hohen Absätzen gab es hier – auf denen Männer übrigens meist am besten und elegantesten laufen können, erinnert sich die frühere Inhaberin Susan Lawrence.

Schuh Messmer war die erste Adresse für Luden, Liebesdamen, Prominente, die Tänzer*innen der umliegenden Theater, Touristen und so weiter. Kurzum: für Liebhaber*innen der Extravaganz am Fuß. Mucki Pinzner kaufte hier sein letztes Paar Schuhe – ein paar weiße Sneaker. Damals nannte man sie noch Turnschuhe.

Eröffnet 1844, schloss Hamburgs ältestes Schuhgeschäft im August 2018 die Türen. Hohe Mietkosten setzten dem Geschäft unter anderem zu. Zudem sagt Susan Lawrence, die das Geschäft in dritter Generation von ihrer Mutter übernommen hatte: „Der Kiez und auch mein Laden gingen durch die Ballermannisierung der Reeperbahn kaputt.“

Gerne blickt Susan in die Vergangenheit zurück. Ganz besondere Zeiten waren in ihren Augen die 1980er Jahre, auch wenn sich Susan, Pastorentochter, klein, zierlich, schüchtern, erst mal behaupten musste. „Die Kleine“ nannten die Luden sie anfangs. Bis sie merkten, wie viel Power in „der Kleinen“ steckte. Ab da war Susan „die Dicke“ und bekam von ihnen eine Telefonnummer zugesteckt, sollte es mal zu „Problemen“ kommen. Denn Probleme wurden gerne erst mal ohne die Herrschaften von der Davidwache um die Ecke geklärt.

Schuhe waren ihr Leben. Ihr Herz schlug jedoch auch immer für die Musik. Musikalisch von ihrer Mutter früh geprägt, war Susan auf vielen Bühnen in Deutschland, Frankreich und Belgien unterwegs.

Top Ten

Oben pittoresk, unten Musikgeschichte. Heute beheimatet das fachwerkverzierte und älteste Gebäude auf der Reeperbahn den Club Moondoo. Hier gibt es von Afrobeats über Funk bis Soul, Dubstep etc. auf die Ohren.

Früher, ab 1960, beherbergte das Haus einen Musikclub, der Geschichte schrieb: Das Top Ten. Nicht nur die Beatles spielten hier nach ihrem Engagement im Kaiserkeller (vom 1. April bis zum 1. Juli 1961 traten sie zusammen mit Tony Sheridan 92 Nächte nacheinander auf – sieben Stunden pro Abend, am Wochenende acht Stunden), sondern auch Größen wie The Jets, Gerry & The Pacemakers, Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, Bluesology (mit Reg Dwight aka Elton John) oder The Monks.

Natürlich wurde dazu auch getanzt. Im Top Ten führten Soldaten der US-Marine zum ersten Mal den Twist auf und sorgten dafür, dass dieser Tanzstil auch hierzulande bekannt wurde. Zudem war der Club bei den Luden beliebt, um auf der Tanzfläche junge Frauen für ihr Gewerbe anzuwerben.

Ab 1984 leitete Kalle Schwensen das Top Ten und sorgte dafür, dass immer wieder ganz spontan und unter der Woche Freunde wie Tony Sheridan, die Scorpions, Duff McKagan von Guns N‘ Roses, Richie Sambora von Bon Jovi, The Rattles oder Les Humphries auf der Bühne standen. Oder Udo Lindenberg. Er am Schlagzeug, Kalle am Mikrofon.

1994 schloss das Top Ten seine Türen. „Keine Lust auf Techno“, sagte Kalle.

Bevor in dem Haus auf der Reeperbahn das Top Ten beheimatet war, war es zu Weimarer Zeiten die Adresse des „Grand Hippodrom und Café“, einem der drei Hippodrome auf St. Pauli, in dem halbnackte Showreiterinnen durch die Manege ritten.

Ein kleiner Themenschlenker zu den eben erwähnten Luden: Wenige Menschen beherrschen es noch – den Nachtjargon, eine Art Geheimsprache von St. Pauli, mit der sich Luden, Prostituierte, Türsteher und Barbesitzer unterhalten können, ohne dass Dritte einen blassen Schimmer haben, worum es eigentlich geht.

Oder wusstest Du, dass die „Hamburger Acht“ Handschellen, der „Hund“ Pistole, ein „dänischer Kuss“ Kopfnuss bedeutet und dass ein „Dibberkasten“ ein Telefon ist? In „Hamburgs Nachtjargon“ hat Klaus Siewert diese Begriffe gesammelt.

Internationale Modellbausätze

Wenn er Geld reinbuttern muss, würde er den Laden schließen, sagte Jonny. Das war 2017 der Fall und der kleine Modellbauladen am Paulinenplatz machte zu. Kunden wanderten nach und nach ins Internet ab und bestellten dort. Aber Onlinehändler werden und nur noch Kisten packen, das wollte Jonny nicht.

Gegründet wurde der Laden schon 1919 von der Familie Rettkowsky, damals noch in der Wohlwillstraße. 1955 übernahm dann Heinz Rettkowsky, Jahrgang 1926.

Für Heinz ging es mit zwölf Jahren via Dampfer zu seiner Tante nach New York. Von dort brachte er seine ersten Flugzeugmodelle mit: amerikanische Militärflugzeuge. Das kam 1936 am Zoll jedoch nicht so gut an und eigentlich sollten die Modelle die Grenze nicht passieren.

Heinz sah das jedoch anders und erzählte den Zollbeamten, dass er die Flugzeuge für den Unterricht zur Freund-Feind-Erkennung seiner Pimpf-Gruppe benötigte – und durfte sie mitnehmen. Der Grundstein für seine Modellbauleidenschaft war gelegt, auch wenn es bis in die 60er Jahre dauerte, bis er in seinem Laden primär Modelle verkaufte. Bis dahin gab es in dem Geschäft ein buntes Potpourri von Fahrrädern über Radios bis hin zu Spielwaren. Im Jahr 2005 schließlich übernahm Jonny den Laden, in dem er seit 1993 arbeitete.

Wenn man Jonny in den letzten Tagen in seinem Laden besuchte, war seine Antwort auf die Frage, was danach komme, immer: „Ich gehe nach Helgoland“. Hat er jedoch nicht gemacht. Er ist hiergeblieben. Der Laden und das Grundstück sind verkauft und Jonny schmiedet nun neue Zukunftspläne.

Throw Up und Tags: Wesh, Zonke 73, Tea 73, Lolek, …

Molotow

Nicht wegzudenken aus der Hamburger Musikszene ist das Molotow. Musikalisch vielfältig, mit Fokus auf Indie, Punk und Post-Rock. Neben Musik gibt es unter anderem auch Lesungen auf die Ohren. Wie etwa „Zeit für Zorn – die Türsteherlesung“.

Anfangs befand sich das Molotow im Keller der Esso-Häuser am Spielbudenplatz. Am 14. Dezember 2013 wurde der Club, wie auch alle anderen Bewohner und Gewerbetreibenden, aus dem baufälligen Komplex evakuiert. Im Januar 2014 wurden die Esso-Häuser abgerissen.

Nach einem Umzug in die Holstenstraße hat das Molotow seinen Platz am Nobistor gefunden, wo es bis zum Neubau am Spielbudenplatz bleiben kann. Eigentlich. Denn der Umzug in die alte Heimat am Spielbudenplatz – dem neuen Paloma-Viertel – ist noch nicht in trockenen Tüchern. Die ursprünglich vereinbarten und für das Molotow stemmbaren Mietkonditionen wurden geändert – und liegen nun weit jenseits dessen, was wirtschaftlich tragbar wäre.

Wer mehr über den Kampf um die Esso-Häuser und das Thema Verdrängung erfahren möchte: In ihrer Langzeitdokumentation „buy buy st. pauli“ begleitet ein Filmteam – bestehend aus Irene Bude, Olaf Sobczak und Steffen Jörg – den Kampf der Bewohner*innen der Esso-Häuser und ihrer Unterstützer*innen.

In der Doku „Empire St. Pauli – von Perlenketten und Platzverweisen“ beschäftigt sich das Filmteam mit dem Gentrifizierungsprozess auf St. Pauli.

Park Fiction

Park Fiction ist ein künstlerisches und gesellschaftspolitisches Gemeinschaftsprojekt. Eine „Wunschproduktion“.

Organisiert aus der Nachbarschaft heraus, entstand unter Beteiligung von Künstler*innen und Nachbar*innen aller Altersgruppen ein öffentlicher Park – anstelle einer beabsichtigten Wohn- und Bürobebauung. Außerdem sollte der Golden Pudel Club erhalten bleiben, der vom Abriss bedroht war.

2002 wurde das von 1994 bis 2005 geplante und realisierte Gemeinschaftswerk auf der Documenta11 ausgestellt. „Es geht bei der kollektiven Wunschproduktion darum, neu zu bestimmen, was die Stadt ist, darum, ein anderes Netz über die Stadt zu legen, sich die Stadt anzueignen, überhaupt sich vorzustellen, wie es anders laufen könnte, und dann das Spiel nach anderen Regeln zu spielen.“ – Christoph Schäfer in der Dokumentation „Park Fiction – die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen“ von Margit Czenki.

Und ganz nebenbei hat man vom Park Fiction aus einen wunderbaren Blick auf den Hafen und kann den Schiffchen beim Singen zuhören.

Über das Projekt

St. Pauli ist bunt und vielfältig – nicht nur die Menschen, sondern mit ihnen auch die Geschäfte, Kneipen, Clubs, Bars, Wohnhäuser und viele mehr.

Das Fotoprojekt „Soul Pauli“ fokussiert sich auf die einzelnen Gebäude und setzt sie in den Mittelpunkt, schaut jedoch mit mal kurzen, mal längeren Geschichten auch hinter die Fassaden.

Neben all der Buntheit geht es dabei auch um Veränderungen. Vieles verschwindet, Neues entsteht; manchmal spannend, manchmal kommerzieller Einheitsbrei. Daher will „Soul Pauli“ das Jetzt festhalten, aber auch einen Blick ins Früher werfen.

„Soul Pauli“ ist work in progress und wächst stetig weiter.

Soul Pauli – Blicke auf und hinter Fassaden

Fotografien von Christian Heidemann

30. September 2020 – 31. Oktober 2020

Sankt Pauli Museum, Nobistor 10, 22767 Hamburg

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Sonntag 12 bis 17 Uhr

Der Eintritt ist frei, wir freuen uns jedoch über Spenden.

Coronabedingt wird es keine Vernissage geben. Bleibt gesund und bringt einen Mund-Nasen-Schutz mit!


Jonas Nay

Interview — Jonas Nay

Gespielte Geschichte

In »Deutschland 89«, der dritten Staffel der beliebten deutsch-deutschen Spionageserie, schlüpft Jonas Nay wieder in die Rolle des DDR-Agenten Martin Rauch – diesmal zu Zeiten des Mauerfalls. Im Interview erklärt der Schauspieler, warum die Hauptfigur nicht immer so handelt, wie man das aus der eigenen Moralvorstellung heraus vermuten würde. Und er beschreibt, was er durch die Serie über unsere Gesellschaft gelernt hat.

9. Oktober 2020 — MYP N° 30 »Gemeinschaft« — Interview & Text: Jonas Meyer, Fotos: Maximilian König

Die Karl-Marx-Allee im Osten Berlins hat schon viel erlebt. Die kilometerlange Trasse zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor, die einst Große Frankfurter Straße hieß, ist nicht nur eine der ältesten Verkehrsadern der Stadt. Sondern auch eine ihrer ältesten Zeitzeuginnen.

Anfang des 18. Jahrhunderts als sogenannter Heerweg errichtet, war sie über die letzten 300 Jahre immer wieder Schauplatz dramatischer Ereignisse. Wie etwa in den Revolutionsjahren 1848 und 1919, als auf und neben ihr erbitterte Barrikadenkämpfe tobten. Oder am 16. Juni 1953, als die Beschäftigten der umliegenden Großbaustellen ihre Arbeit niederlegten und über die mittlerweile Stalinallee genannte Straße in Richtung Stadtzentrum marschierten. Sie protestierten gegen eine zuvor vom SED-Regime angeordnete Erhöhung der Arbeitsnormen. Die Bewegung entwickelte sich in kürzester Zeit zu einem Volksaufstand in der gesamten DDR, der bereits wenige Stunden später, am 17. Juni, von sowjetischen Panzern gewaltsam niedergeschlagen wurde.

Acht Jahre später, da stand bereits die Berliner Mauer, wurde der westliche Teil der repräsentativen Stalinallee in Karl-Marx-Allee umbenannt, der östliche Teil hieß ab sofort Frankfurter Allee – man wollte den Namen „entstalinisieren“. Knapp drei Jahrzehnte blieb es danach still. Doch dann trugen die Bürger der DDR ihren Unmut erneut auf die Straßen, auch auf diese. Am Ende stand der Fall der Mauer am 9. November 1989.

Mit diesem historischen Ereignis startet nun, dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, „Deutschland 89“, der dritte und vorerst letzte Teil der preisgekrönten Erfolgsserie, den man seit dem 25. September auf Amazon Prime anschauen kann. Wie „Deutschland 83“ und „Deutschland 86“ erzählt auch Staffel 3 die fiktionale Story um einen DDR-Agenten, deren inhaltlicher Rahmen von realen Ereignissen der deutsch-deutschen Geschichte und des Kalten Krieges gesetzt werden.

Im Mittelpunkt steht der Charakter Martin Rauch, der in der ersten Staffel als Spion in die Bundeswehr eingeschleust wird und nicht weniger als einen Atomkrieg verhindert. Eine Staffel später findet er sich inmitten eines afrikanischen Stellvertreterkonflikts wieder und avanciert im Laufe der Episoden zum Doppelagenten. In seiner ostdeutschen Heimat am anderen Ende der Welt wächst derweil das Chaos. Die DDR steht kurz vor dem finanziellen Kollaps und man versucht krampfhaft, an dringend benötigte Devisen zu kommen.

Wieder eine Staffel später, wir schreiben mittlerweile das Jahr 1989, geht es um den Zusammenbruch der DDR und ihres Gesellschaftssystems nach dem Fall der Mauer. Die Hauptverwaltung Aufklärung, der Auslandsnachrichtendienst der DDR, steht dabei ebenfalls vor der Auflösung. In dieser Gemengelage gerät Martin Rauch zwischen die Fronten sich fundamental verschiebender Machtverhältnisse – und droht sich dabei selbst zu verlieren.

Gespielt wird die Figur von Jonas Nay, der vor wenigen Tagen 30 Jahre alt geworden ist. Für seine Rolle in „Deutschland 83“ wurde der Schauspieler 2016 mit dem Deutschen Fernsehpreis sowie dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Wir treffen den gebürtigen Lübecker vor einem Café in der Karl-Marx-Allee, nur wenige Meter entfernt vom Rosengarten – jenem Ort, an dem am 16. Juni 1953 die Proteste der Ostberliner Bauarbeiter begannen. Ihre Losung damals: „Kollegen reiht Euch ein, wir wollen freie Menschen sein!“

»In der dritten Staffel erleben wir Martin Rauch als einen Charakter, der deutlich traumatisiert ist.«

MYP Magazine:
Martin Rauch ist seit mittlerweile sechs Jahren Teil Deines Lebens. Wie hat sich diese Figur über die drei Staffeln entwickelt?

Jonas Nay:
Martin hat sich im Laufe der Zeit extrem verändert, alleine weil die Geschichten, die wir erzählen, so viele menschliche Abgründe und Extremsituationen beinhalten. Daneben ist er permanent einem extrem hohen Stress ausgesetzt, unter anderem, weil er mit allen Mitteln versucht, nicht als Spion aufzufliegen. Oder im Bürgerkriegsgeschehen in Afrika in irgendeiner Form überleben will. All das formt seinen Charakter sehr.
In der ersten Staffel starten wir mit einem Martin, den wir als eher entspannten Menschen kennenlernen. Er ist noch sehr jung, unschuldig und naiv – ein junger DDR-Grenzsoldat, der sein Leben in Kleinmachnow lebt, ein liebevolles Verhältnis zu seiner alleinerziehenden Mutter pflegt, eine Freundin hat und in seiner Freizeit nackt baden geht. Oder kurz gesagt: Die Figur befindet sich am Anfang der Serie noch in einer relativ stabilen, unspektakulären Lebenssituation.
Der Horror geht erst richtig los, als er gegen seinen Willen zu einem Spion im Westen gemacht wird. Das verändert Martin sehr schnell und er wird zu einer Person, die weiß, dass sie niemandem mehr trauen darf – und sich dementsprechend nicht mehr öffnet. Im nächsten Schritt entwickelt sich Martin zu jemandem, der nicht mehr nur eine, sondern eine Doppelrolle spielt, um seine Identität zu wahren. In der dritten Staffel schließlich erleben wir ihn als einen Charakter, der deutlich traumatisiert ist.

»Mir persönlich hat es sehr wehgetan, was diesem Charakter im Laufe der Zeit passiert ist.«

MYP Magazine:
Welche Beziehung hast Du selbst zu der Figur Martin Rauch entwickelt?

Jonas Nay:
Grundsätzlich bedeutet jede Staffel für mich ungefähr ein halbes Jahr Vorbereitung und Drehzeit, wenn nicht sogar mehr. Das heißt, ich habe bisher in meinem Leben fast zwei Jahre nur mit diesem Charakter verbracht. Ich bin gerade 30 geworden, da fühlen sich diese zwei Jahre meines Lebens nach einer sehr langen und intensiven Zeit an.
Insgesamt ist mir Martin schon früh ans Herz gewachsen. Ich mag seine trockene Art und Weise, seinen Humor, seinen Pragmatismus. Auch wenn er immer wieder in die absurdesten, schlimmsten Situationen geschmissen wird, findet er irgendwie stets einen Weg. Er lässt sich nicht unterbuttern, sondern hat die Einstellung, aus allem das Beste zu machen.
Martin Rauch ist mir immer ein extremer Sympath gewesen, daher hat es mir persönlich auch sehr wehgetan, was diesem Charakter im Laufe der Zeit passiert ist. Außerdem hat er in den drei Staffeln durchaus ambivalente Entscheidungen getroffen, die ich zwar inhaltlich nachvollziehen konnte, bei denen ich aber gerne persönlich interveniert hätte und ihm zugerufen hätte: Martin, lass mal!

»Im Jahr 1989 lebt Martin auf einmal das einfache Leben in der DDR.«

MYP Magazine:
Die einzelnen Staffeln der Serie schließen inhaltlich nicht nahtlos aneinander an, sondern weisen in der Erzählung immer eine zeitliche Lücke von drei Jahren auf. Spielt Ihr ein bisschen mit dem geschichtlichen Wissen der Zuschauer, die durch die Erzählform gezwungen sind, diese nichterzählte Zeit mit ihren persönlichen Erinnerungen zu füllen?

Jonas Nay:
Ein wenig schon. Nur kann ja keiner der Zuschauer wissen, was mit den Charakteren der Serie in ihren fiktionalen Strängen in der Zwischenzeit geschehen ist. Für mich als Schauspieler ist es daher immer eine große Herausforderung, diese zeitlichen Gaps für die Figur zu füllen. Mit jeder Staffel stellt sich erneut die Frage: Wo wollen wir starten und wohin entwickelt sich der Charakter?
Grundsätzlich bedeuten diese drei Jahre für Martins Leben immer einen großen Umbruch. Wenn ich etwa daran denke, dass er zu Beginn der zweiten Staffel plötzlich im Exil ist, in einem Waisenheim in Angola hängt, dort Deutschunterricht gibt und dabei seinen dreijährigen Sohn Max noch nie gesehen hat – da musste ich mir selbst auch erst mal im Kopf eine mögliche Story zusammenbauen, wie es dazu gekommen sein könnte.
Eine Staffel später, im Jahr 1989, lebt Martin auf einmal das einfache Leben in der DDR, arbeitet bei Robotron und ist alleinerziehender Vater seines mittlerweile sechsjährigen Sohnes. Max‘ Mutter, die sich bis dahin um das Kind gekümmert hatte, ist nun plötzlich in Moskau für den KGB tätig.

»Ich bin mit Martin mehr oder weniger in Echtzeit mitgewachsen.«

MYP Magazine:
Inwiefern hat die Figur Martin Rauch Deine eigene Entwicklung der letzten sechs Jahre geprägt und beeinflusst?

Jonas Nay:
Ich bin mit Martin mehr oder weniger in Echtzeit mitgewachsen. Wie bei ihm ist auch in meinem persönlichen Leben in all den Jahren wahnsinnig viel passiert – zwar nichts so Traumatisierendes wie das, was die Figur erlebt hat. Aber alleine die Veränderung meines eigenen Lebens hat mir als Inspirationsbasis geholfen, um das glaubhaft zu erzählen, was in Martins Vita passiert.

MYP Magazine:
Bist Du wie Martin auch misstrauischer geworden?

Jonas Nay:
Ja, das bin ich tatsächlich – leider. Aber ich befürchte, dass wird jeder Mensch irgendwann im Laufe seines Lebens, je mehr Vertrauensbrüche er erlebt und je mehr Leute er kennenlernt. Ich bin in den letzten Jahren nicht per se zum Menschenfeind geworden, aber es dauert lange, bis ich jemandem vertraue. Das war zwar schon immer so, aber hat sich mit der Zeit deutlich verstärkt.

»Es ist nicht der Plan einer solchen Serie, einen Charakter immer nur so handeln zu lassen, wie man das mit seiner persönlichen Moralvorstellung vermuten würde.«

MYP Magazine:
In Rumänien ermordet Martin ohne Not einen Securitate-Agenten. Wie blickst Du auf dieses Ereignis?

Jonas Nay:
Dieser Moment ist wahrscheinlich der größte Bruch in seiner Persönlichkeit. Hatte er vorher immer nur aus Notwehr getötet, ist das nun sein erster Mord. Für dieses Situation hätte es sicherlich auch andere Lösungsmöglichkeiten gegeben.

MYP Magazine:
Inwiefern?

Jonas Nay:
Tatsächlich war das eine Szene, über die wir lange diskutiert haben im Kreis der Autoren und Regisseure. Das war ein absoluter Entfremdungsmoment für mich – aber das war auch gut so. Es ist nicht der Plan einer solchen Serie, einen Charakter immer nur so handeln zu lassen, wie man das als Außenstehender mit seiner persönlichen Moralvorstellung vermuten würde.

MYP Magazine:
War diese Mordszene der einzige Entfremdungsmoment, den Du erlebt hast?

Jonas Nay:
Ich würde es anders ausdrücken: Ich hatte mit Martin immer wieder Reibungspunkte, im Großen wie im Kleinen. Ich weiß noch, dass ich mit Samira Radsi, der Regisseurin der drei letzten Episoden von Staffel 1, sehr lange diskutiert habe, ob Martin wirklich vor dem Haus des Bundeswehrgenerals dessen Tochter küssen soll – übrigens sein erster Seitensprung. Für mich persönlich war das ein Riesenthema. Aber Samira sagte einfach nur: „Jonas, solche Dinge passieren einfach. Hör mal auf zu diskutieren.“

»So ganz loswerden werde ich meinen Martin nie.«

MYP Magazine:
Sind solche Entfremdungsmomente wie der Mord in Rumänien wichtig, um eine Rolle irgendwann wieder loszuwerden?

Jonas Nay:
Ich glaube, so ganz loswerden werde ich meinen Martin nie. Ich würde eher sagen, dass solche Momente der Entfremdung eher hinderlich sind, um an der Rolle dranzubleiben. Martin erschießt den Securitate-Agenten im zweiten Drittel der neuen Staffel. Das bedeutet, dass ich von da an noch einen ganz schön weiten Weg mit ihm gehen werde. Von daher verstehe ich den Mord eher als eine Sollbruchstelle, an der ich mich beim Dreh gefragt habe: Wenn mein Charakter so einen Knacks bekommt und ich eine so deutliche Entfremdung spüre, wie kann es mir gelingen, daran wieder anzudocken und die Figur für mich weiterzuführen? Wie kann ich erzählen, dass sich die Figur in dem Moment von sich selbst entfremdet und es für sie dennoch einen Weg geben kann, wieder zu sich selbst zu finden?

»Jonas, Du kennst Martin viel besser als ich – erzähl mir von ihm!«

MYP Magazine:
Immerhin hat Martin das große Glück, dass ihm seine Freundin, die Grundschullehrerin, am Ende vergibt.

Jonas Nay (lächelt):
Tja. Auch darüber gab es viele Diskussionen. Aber das ist auch das Schöne an der Serie. Wir sind da als Schauspielerinnen und Schauspieler sehr involviert in die Art und Weise, wie sich die Charaktere entwickeln und wie die Szenen gestaltet werden. Anna und Jörg Winger, die die Serie geschrieben und produziert haben, legen sehr viel Wert darauf, dass wir unseren persönlichen Input einbringen. Bereits lange bevor die Drehbücher geschrieben werden, sind wir im engen Austausch mit den beiden und sitzen immer wieder zusammen, um die Dinge durchzuarbeiten. Es macht die Serie wirklich besonders, dass es keine so absolutistische Haltung gibt und sich vieles eher – im positiven Sinne – nach Projektarbeit anfühlt.

MYP Magazine:
Das klingt sehr demokratisch.

Jonas Nay:
Nein, am Ende liegt die finale Entscheidung natürlich immer noch bei Anna und Jörg – und am Set hat für mich als Schauspieler die Regie das letzte Wort. Aber dass sich die beiden überhaupt so öffnen und diesen Input von uns einfordern, ist bemerkenswert. Schon während der ersten Staffel hat Anna immer zu mir gesagt: „Jonas, Du kennst Martin viel besser als ich – erzähl mir von ihm!“
Ich schreibe gerade zusammen mit Nikola Kastner an einer Serie und kann aus eigener Erfahrung sagen, wie schwer es ist, sich Kritik von außen zu öffnen, wenn man seinen eigenen Stoff entwickelt. Man hat sich bei allem ja irgendwas gedacht. Von daher sind Anna und Jörg zwei absolute Positivbeispiele für mich, weil sie mit dem eigenen geschriebenen Plot sehr flexibel sind. Das ist eine Qualität, die ich als Schauspieler sehr genießen durfte. Und es hat dazu geführt, dass – selbst wenn es so einen Entfremdungsmoment wie den Mord gab – ich nie meinen Charakter verloren oder zu ihm zu viel Distanz aufgebaut habe.

»Die Macher der Serie wollten nicht nur den deutsch-deutschen Mikrokosmos als Spielfeld des Ost-West-Konflikts erzählen.«

MYP Magazine:
Während Staffel 1 in Ost- und Westdeutschland spielt und sich auf Ereignisse und Thematiken bezieht, die man als Otto Normalzuschauer geschichtlich noch halbwegs präsent hat, erzählt die zweite Staffel einen Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West am anderen Ende der Welt – ein Stoff, der vielen Deutschen wahrscheinlich eher unbekannt ist…

Jonas Nay:
Ja, tatsächlich sind das Konfliktszenarien, über die man in unserem Dunstkreis wohl eher seltener gestolpert ist. Aber soweit ich weiß, war genau das auch eine bewusste Entscheidung von den Machern der Serie. Ihre Idee war, die zweite Staffel zu nutzen, um das Big Picture des Kalten Krieges zu erzählen – und nicht nur den deutsch-deutschen Mikrokosmos als Spielfeld des Ost-West-Konflikts.

MYP Magazine:
Dafür geht es in Staffel 3 zurück nach Deutschland – und nach Rumänien…

Jonas Nay:
Ich persönlich finde es sehr spannend, dass Martin 1989 wieder hauptsächlich in Deutschland agiert – und zwar deshalb, weil diese dritte Staffel inhaltlich nicht auf den Fall der Mauer zusteuert, wie man vielleicht vermutet hätte. Ganz im Gegenteil: Sie startet mit diesem Ereignis und zieht ihren Plot aus dem Umstand, dass sich alle Charaktere ab dem Moment des Mauerfalls in einem Vakuum befinden. Alle versuchen, in irgendeiner Form ihre eigene Haut zu retten, ihren Platz zu suchen und sich in irgendeiner Form neu zu erfinden.

»Ich kenne die Achtziger, in denen ich gar nicht gelebt habe, besser als die Neunziger, das Jahrzehnt meiner Kindheit.«

MYP Magazine:
Würdest Du sagen, dass Du heute einen anderen Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte hast als vor Beginn der Dreharbeiten im Jahr 2014?

Jonas Nay:
Auf jeden Fall! In der Serie ploppen ja immer wieder reale Daten und Ereignisse auf, an denen sich der fiktionale Strang entlanghangelt. Daran habe ich mich enorm festgebissen. Beim Lesen der Drehbücher ist es mir ständig passiert, dass ich an einem bestimmten Sachverhalt hängen geblieben bin und gedacht habe: Moment mal, war das wirklich so? Was steckt da denn dahinter? Ich konnte in dem Moment nicht weiterlesen und musste erst mal anfangen zu recherchieren. Dadurch habe ich sehr viel gelernt, was ich ohne die Serie vielleicht nie erfahren hätte. Ich würde zwar nicht behaupten, dass ich dadurch zum wandelnden Lexikon geworden bin, aber ich habe mich wirklich sehr intensiv mit den 1980er Jahren in Ost- und Westdeutschland auseinandergesetzt – und das auf verschiedensten Ebenen: von Politik bis Popkultur, von Terrorismus bis Friedensbewegung, von Maueröffnung bis Wiedervereinigung. Ich würde sogar behaupten, dass ich die Achtziger, in denen ich gar nicht gelebt habe, besser kenne als die Neunziger, das Jahrzehnt meiner Kindheit.

MYP Magazine:
Hättest Du den Fall der Mauer gerne persönlich miterlebt?

Jonas Nay:
Na, selbstverständlich! Die Tatsache, dass es einer friedlichen Bürgerbewegung gelungen ist, ein autoritäres Regime zu stürzen und die Öffnung einer Mauer zu erzwingen, ist so einzigartig und beispiellos in der Geschichte der Menschheit, dass ich diesen Moment natürlich gerne miterlebt hätte.

»Wer in unserer Serie einen pädagogischen Ansatz sucht, muss sich mit anderen Formaten befassen.«

MYP Magazine:
Die Serie erzählt immer wieder Themen, deren Tragik und Dimension man heute kaum mehr Beachtung schenkt. So wird zum Beispiel der AIDS-Krise und den damit verbundenen Schicksalen ein großer erzählerischer Raum gegeben. Oder es wird gezeigt, dass es in der DDR durchaus üblich war, regimeuntreuen Eltern ihre Kinder zu entziehen und sie zur Adoption freizugeben. Oder es geht darum, wie durch das Militärmanöver „Able Archer 83“ aus Versehen ein Atomkrieg hätte entfacht werden können. Welche Verantwortung hat die Serie gegenüber ihren Zuschauern? Oder anders gefragt: Siehst Du in ihr einen pädagogischen Auftrag?

Jonas Nay:
Mit Pädagogik tue ich mich an dieser Stelle eher schwer, da die Serie in erster Linie einen unterhaltenden Anspruch hat. Sie arbeitet mit popkulturellen Elementen, ist sehr schnell erzählt und besitzt eine ganz eigene Form von Ironie. Der Humor, den sie in sich trägt, ist eher schwarz und wirkt stellenweise fast kafaesk, wie ich finde. Das alles strebt einem pädagogischen Ansatz entgegen. Wer den sucht, muss sich mit anderen Formaten befassen, etwa von den Öffentlich-Rechtlichen.
Nichtsdestotrotz ist unsere Erzählweise kein Hindernis dafür, dass die Serie dazu anstoßen kann, sich generell mit der Politik und gesellschaftlichen Themen von damals zu beschäftigen. Klar, ich selbst, der die Rolle darzustellen hat, bin wahrscheinlich viel interessierter als jemand, der die Serie nur schaut, um sich unterhalten zu lassen. Aber wenn ich meinen eigenen Medienkonsum als Beispiel nehme, finde ich schon, dass Filme und Serien, die sich mit realen Ereignissen, Personen oder Zeiten beschäftigen, immer den Effekt haben können, dass man sich mit der Thematik noch weitergehend auseinandersetzt. Oder dass man vielleicht sogar einen Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen herstellt. Wenn unsere Serie alleine das leistet, haben wir viel erreicht.

»Auf dem Weg zur Wiedervereinigung gab es keine gleichberechtigte Verschmelzung.«

MYP Magazine:
Welche Themen von heute könnten das sein?

Jonas Nay:
Etwa der wieder aufflammende Ost-West-Konflikt zwischen den NATO-Staaten und Russland. Oder die Lage in Belarus, wo es seit Wochen Massenproteste gegen ein autoritäres Regime gibt. Oder die strukturellen Unterschiede, die man in Deutschland nach wie vor zwischen Ost und West identifizieren kann. Oder die Tatsache, dass auf dem Weg zur Wiedervereinigung im Wesentlichen der Osten in den Westen eingegliedert wurde und es keine gleichberechtigte Verschmelzung gab.
Wenn man sich alleine bei diesem Thema bewusst macht, was das Ende der DDR für die Menschen und ihre dort funktionierenden Leben bedeutet hat, kann man sehr viel für sich selbst mitnehmen. Ob „Deutschland 89“ es schafft, das wirklich im Detail zu erklären, weiß ich nicht. Aber ich glaube, wenn einen etwas emotional erreicht – und das tut unsere Serie meiner Meinung nach auf jeden Fall –, bleibt am Ende inhaltlich immer etwas hängen.

»Ein Youtuber hat sich mal darüber echauffiert, dass in der Serie eine Tapete zu sehen sei, die nicht in den Achtzigern produziert wurde, sondern in den Siebzigern.«

MYP Magazine:
In der neuen Staffel wird gezeigt, wie die HVA-Mitarbeiter den Mauerfall live im TV miterleben. Als Generalmajor Schweppenstette sieht, wie der Schlagbaum an der Grenze hochgeht, schreit er voller Schrecken: „Oh Gott!“ Das Ganze wirkt fast wie eine Slapstick-Nummer, da der Mauerfall in unserer kollektiven Wahrnehmung als etwas überaus Positives wahrgenommen wird. Sind Dir persönlich mal Zeitzeugen begegnet, die diesen „anderen“ Blick auf den Mauerfall haben?

Jonas Nay:
Nein, noch nie. Zumindest haben sich diese Stimmen mir gegenüber noch nicht zu erkennen gegeben… (schweigt einen kurzen Moment) Ich wurde immer eher für Details kritisiert. Ich werde beispielsweise nie vergessen, wie ich mal einem Youtuber ein Interview geben sollte, der – wie sich herausstellte – aus der ehemaligen DDR stammt. Vor dem Gespräch hat er sich erst mal ausführlich darüber echauffiert, dass in der Serie an einer Stelle eine Tapete zu sehen sei, die scheinbar nicht in den Achtzigern produziert wurde, sondern in den Siebzigern. Seiner Meinung nach es sei es total untypisch gewesen, in jener Zeit im Plattenbau noch so eine Tapete an der Wand zu haben. Das mitzuteilen war ihm ein dringendes Anliegen.

»Martins moralischer Kompass ist etwas, woran ich mich immer wieder gut festhalten kann.«

MYP Magazine:
Am Ende der dritten Staffel wirft Lenora, Martins Tante, ihrem Neffen vor, er wisse einfach nicht, wie die Welt funktioniert. Würdest Du ihr da zustimmen? Immerhin sagt Martin ja kurz nach dem Mauerfall: „Die Ära der Autokraten ist ein für alle Mal vorbei.“ Und wie wir wissen, stimmt das nicht so ganz. In vielen Ländern der Welt haben Autokraten gerade ziemlich Konjunktur.

Jonas Nay:
Das ist leider wahr. Was die Serie betrifft, kann ich die Aussage vor allem aus Lenoras Perspektive verstehen. Martin ist in dieser festgefahrenen Spionage-Welt zwar jemand, der auf beiden Seiten der Mauer eine ziemlich ungefärbte Sicht auf die Dinge entwickelt hat. Aber aus Lenoras Sicht handelt er zu wenig aus einer sozialistischen Ideologie heraus, sondern ist vielmehr von seinem Egoismus und seiner persönlichen Moral getrieben. Und das trifft auch definitiv zu.
Anna und Jörg Winger betonen immer wieder, dass sie den Charakter Martin Rauch als eine Heldenfigur angelegt haben, die auf ihren ganz eigenen moralischen Kompass hört. Auch wenn alle versuchen, ihn in verschiedene Richtungen zu ziehen, verfolgt er stoisch seine eigene Agenda und vertraut auf diesen ihm gegebenen moralischen Kompass – was für ein schönes Wort übrigens.
Dieser Kompass ist etwas, woran ich mich bei Martin immer wieder gut festhalten kann. Selbst wenn es diese Entfremdungsmomente gibt, über die wir eben gesprochen haben, versuche ich, ihn immer wieder auf den rechten Weg zu bringen und ihm seinen moralischen Kompass zurückzugeben – und zwar so, dass man ihm als Zuschauer wieder folgen mag.

»Es erstaunt mich immer wieder, wie oft sich die Menschen in Deutschland alleine im 20. Jahrhundert neu erfinden mussten.«

MYP Magazine:
Lenora ist eine Person, der es um höhere Ideale geht – das jedenfalls sagt sie von sich selbst. Diese Ideale spricht sie dem Westen ab. Würdest Du ihr da ein Stück weit zustimmen? Glaubst Du auch, dass uns in unserer modernen westlichen Welt ein höheres, gemeinsames Ziel fehlt?

Jonas Nay:
Für mich persönlich ist dieses gesellschaftliche Ziel ganz klar formuliert: das Streben nach einer sozialen Demokratie. Natürlich weiß ich, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt. Gerade im Moment erleben wir ja zunehmende Entzweiung, Demokratiefeindlichkeit und diverse autokratische Bestrebungen – und das nicht nur bei uns, sondern auch in anderen europäischen Staaten oder in den USA. Für mich ist immer noch das Ziel, an dieser Demokratie zu arbeiten, weil ich glaube, dass dies das beste System ist, um Chancengleichheit unter den Menschen anzustreben. Zwar sind wir noch weit entfernt von einem wirklich sozialen System, in dem niemand durchs Raster fällt. Aber wir sollten es auf jeden Fall immer weiter versuchen. Ein Umsturz der Systeme, wie ihn einige fordern, wäre da ganz sicher nicht der richtige Weg.

MYP Magazine:
Wenn man auf Deine Rollen der letzten fünf Jahre schaut, scheint es, als wärst Du inhaltlich in fast jedes Jahrzehnt der jüngeren deutschen Geschichte eingetaucht. Hast Du das Gefühl, dadurch ein besonderes Gespür für unsere Gesellschaft entwickelt zu haben?

Jonas Nay:
Ich würde schon sagen, dass ich heute wesentlich sensibilisierter für die letzten Jahrzehnte deutscher Geschichte bin, als ich es vorher war. Und wenn ich mich mit Ausschnitten dieser Geschichte befasse, erstaunt es mich immer wieder, wie oft sich die Menschen in Deutschland alleine im 20. Jahrhundert neu erfinden mussten. Ich denke da beispielsweise auch an die Großmutter von Martin, die sagt, sie habe in ihrem Leben vier Systeme erlebt: die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur und schließlich die DDR. Diese Biografie ist total bezeichnend für unzählige andere Menschen – und da ist das wiedervereinigte Deutschland noch gar nicht mitgerechnet. Es ist doch sehr spannend, wieviel es in dieser jüngeren deutschen Geschichte zu entdecken und lernen gibt. Das ist wirklich einzigartig und ich befasse mich ausgesprochen gerne damit. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich so viele historische Stoffe gedreht habe.

»Vielleicht würde Martin Rauch ja mit Honecker in der chilenischen Botschaft sitzen.«

MYP Magazine:
Wenn man die Geschichte Eurer Serie weiterspinnt, hätte Staffel 4 den Titel „Deutschland 92“. Was könnte darin inhaltlich passieren? Welche Aufgabe könnte Martin Rauch zufallen? Immerhin ist in dem Jahr ja einiges passiert, zum Beispiel: Das Gesetz über die Stasi-Unterlagen trat in Kraft. Auf dem Balkan tobten zwei Kriege. Mit dem Vertrag von Maastricht wurde die EU gegründet. Erich Honecker, der in die chilenische Botschaft in Moskau geflogen war, wurde nach Berlin ausgeflogen und festgenommen. Petra Kelly, Gründungsmitglied der Partei Die Grünen, starb zuhause unter mysteriösen Umständen.

Jonas Nay:
Oha! Da war ja wirklich was los… (überlegt kurz) Vielleicht würde Martin Rauch ja mit Honecker in der chilenischen Botschaft sitzen.

MYP Magazine:
Und für wen würde er arbeiten?

Jonas Nay:
1989 wird Martin mit drei Optionen konfrontiert: Entweder er wechselt die Seiten und wird Spion für einen anderen Geheimdienst, etwa den BND oder die CIA. Oder er wird verhaftet. Oder umgebracht. Auch wenn er in der dritten Staffel nach einer vierten Option sucht, sprich Flucht und eine neue Identität, glaube ich, dass er irgendwann wieder als Geheimdienstler tätig würde. Er hat einfach den inneren Drang, in Aktion zu treten oder an irgendwelchen Stellschrauben zu drehen, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Insofern könnte ich mir vorstellen, dass er für die CIA weiterarbeitet. Aber das ist nur so ein Bauchgefühl. Vielleicht sitzt er aber auch irgendwo am Strand und trinkt Daiquiris.

»Die frühen Neunziger waren eine Zeit, in der ein extrem steigender Fremdenhass um sich schlug.«

MYP Magazine:
Mit dem Jahr 1992 hast Du dich in Deiner Karriere schon einmal auseinandergesetzt, und zwar im Film „Wir sind jung, wir sind stark“, der die entsetzlichen Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen aufgreift. An einer Stelle in „Deutschland 89“ heißt es: „Das dunkle Deutschland erwacht.“ Hat Dich der Satz an Deine Arbeit an „Wir sind jung, wir sind stark“ erinnert?

Jonas Nay:
Jörg Winger hat mir erzählt, dass es wohl schon bei der Kohl-Rede 1990 in Leipzig zu rechten Hetzjagden am Rande dieser Veranstaltung gekommen sein muss. Diese Thematik sollte ursprünglich auch in der dritten Staffel aufgegriffen werden, wurde dann aber wieder verworfen.
Die frühen Neunziger waren eine Zeit, in der ein extrem steigender Fremdenhass um sich schlug. Das ging damals schon los – und heute haben wir es wieder. Dass sich immer wieder Gruppierungen in unserer Gesellschaft dem Rechtsradikalismus zuwenden, hört scheinbar nie auf. Gerade in unserem Land mit unserer Geschichte ist das sehr beschämend.

»Ich bin voller Sorge um das, was gerade auf der Welt passiert.«

MYP Magazine:
Am Ende der dritten Staffel ertönt der Song „It’s The End Of The world As We Know It”, hinterlegt mit Bildern der Treuhand-Gesellschaft, Schlangen von Arbeitslosen, aber auch von Donald Trump und einer Grafik zur EU-Flüchtlingspolitik. Ist Dein persönlicher Blick in die Zukunft ein zuversichtlicher oder eher ein skeptischer?

Jonas Nay:
Ich versuche immer, optimistisch zu bleiben, auch weil ich mir wirklich wünsche, dass wir noch Jahrzehnte in Frieden leben können – hier in unserer Europäischen Union. Insbesondere dafür ist sie ja 1992 gegründet worden. Es ging bei dieser Gründung darum, ein friedliches Beieinander auf diesem Kontinent zu ermöglichen. Ziel war es nicht, sich abzuschotten oder eine Dritte Welt zu erschaffen, die wir jahrzehntelang ausbeuten. Ich hoffe, dass wir uns alle auf die Grundwerte der Europäischen Union zurückbesinnen können, weil es so eine große Errungenschaft ist, in Europa friedlich miteinander zu leben, mit offenen Grenzen, in Freiheit und geschützt von Menschenrechten. Ich hoffe sehr, dass bald wieder mehr europäische Flaggen geschwungen werden und die Menschen öfter den Mund aufmachen, um das alles nicht zu gefährden.
Nichtsdestotrotz bin ich auch voller Sorge um das, was gerade auf der Welt passiert. Gerade habe ich ein flaues Gefühl im Magen, wenn ich etwa auf den 3. November schaue, der Tag, an dem der US-Präsident gewählt wird – hoffentlich ein election day und kein re-election day. Dieser Tag wird wohl den Grundpfeiler für die weltweite Diplomatie der nächsten Jahre setzen. Aber ganz egal, wie es ausgeht: Ich wünsche mir, dass die Staaten der EU näher zusammenrücken und Menschen nicht mehr zu Tausenden auf Inseln horten, sondern versuchen, die wirklichen Fluchtursachen zu bekämpfen. Das wäre dringend notwendig, damit wir alle irgendwann wieder in den Spiegel schauen können.